Band 
Sechster Band. K bis L.
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Kriegskunst

kleinere Abtheilungen, leichtere Waffen und manche Verbesserungen bei der Artillerieei», wodurch überhaupt erst schnelle und künstliche Bewegungen möglich wurden.Wiederholte Siege bewahrten die Vorzüge des neuen Systems vor der alten Kriegs-,kunst, der selbst noch Wallenstein huldigte. Das gesammre Kriegswesen erhieltbald darauf, unter Ludwig XI V., durch den Kriegsminister le Tellier und dessenSohn und Nachfolger Louvois , die Kriegskunst insbesondere durch Turenne undandre gleichzeitige große Feldherren eine vollkommen veränderte Gestalt. DasSystem der stehenden Heere ward auf eine bisher noch nicht gesehene Weise ausge-dehnt. Statt der 14.000 M., die Heinrich IV. gehalten, unterhielt Ludwig XlV.seit dem nimweger Frieden schon ein Heer von 140,000 M. Frankreich hatte dasBeispiel gegeben, alle andre Mächte folgten noch; nur die Seestaaren Englandund Holland sträubten sich lange Zeit gegen eine gleichmäßige Vermehrung der ste-henden Heere, die man dort immer, als der Freiheit gefährlich, fürchtete. Noth-wendig mußten diese große Massen auch auf die Kriegskunst einen wichtigen Ein-fluß haben. Es war eine Kunst, die immer mehr ins Große getrieben ward. Frank-reich war eS zugleich, welches seine Grenzen auf jede Weise durch Erbauung neuerFestungen zu sicher» suchte, und die französischen Kriegsbaumeister wurden beson-ders geschätzt. Im Anfange des 18. Jahrh, begann für das gesammte Kriegswesenund die Kriegskunst eine neue wichtige Epoche: nicht nur erhielt Rußland durchPerer den Großen ein zahlreiches, auf europäische Art gezogenes und geübtes ste-hendes Heer, welches nachmals unter der Regierung der Kaiserin Anna auch inseiner innern Einrichtung den Heeren der übrigen europäischen Staaren gleich ge-macht ward, sondern auch Preußen trat, unter Friedrich Wilhelm I. , als ansehn-liche Milikairmacht in Europa auf. In der preußischen Monarchie stand das ste-hende Heer bald mit der Bevölkerung des StaatS nicht mehr im Verhältniß, undso gab Preußen vor allen zuerst das Beispiel fremder Werbungen, woraus der Übel-stand sich bildete, daß der Staat viele im Augenblicke der Gefahr unzuverlässigeKrieger hatte, und daß die Disciplin schwer zu erhalten war unter einem Theil,der zum Auswurf der Ausländer gehört hatte und den Inländer verdarb. ZurMaschine sollte das Heer werden, und wie hätte ein solches Heer auch anders dienenkönnen! Diese Idee ward durch Friedrich II. in Ansehen gesetzt. DasSystem derstehenden Truppen erhielt eine Ausdehnung, wie es noch nie gehabt; preußischeTaktik ward das Vorbild für alle Heere Europas . Zugleich aber schlichen sich auchschon jetzt Fehler ein, die in der Folge nothwendig ihre nachtheilige Wirkung voll-kommen äußern mußten. Die übergroße Zahl des fremden angeworbenen Gesin-dels führte immer mehr zu einer entehrenden Zucht, die den Stand des Soldatenhöchst elend machte; alle AussichtaufBefördcrung, und damit jeder Ehrgeiz, warddurch die ausschließliche Besetzung der DfficierSstellen müAdeligen, welche sich über-dies (eine natürliche Folge des langen Friedensstandes seit dem siebenj. Kriege) nachdem Dienstalrer richtete, erstickt. So schien das System des Kriegswesens aufdie höchste Stufe der Ausbildung erhoben zu sei», als die franz. Revolution einenSturm herbeiführte, der Europa in seinen Grundfesten erschütterte und die Blößendes bisherigen Systems aufdeckte. Durch die gewaltige Ausdehnung des Systemsder stehenden Heere war eine weite Kluft zwischen ihnen und den Nationen entstan-den; nur das Heer war bewaffnet, die Nation war gänzlich wehrlos geworden.War das Heer geschlagen, so war auch die Nation unterjocht; zugleich waren dieHeere so über alles Verhältniß zu den Geldkräften der Staaten vergrößert, daß sienothwendig für den Gebrauch größtenrheils todt bleiben mußten. Die Übertrei-bung strafte sich, wie immer, so auch hier. Man hatte die Heere zu Maschinengemacht, und alle moralische Triebfedern waren zerbrochen; was mußte erfolgen,wenn, wie jetzt geschah, ein Volk in fanatischer Überspannung den Kampf gegen dieveralteten, gewohnten Mittel begann, als in Frankreich plötzlich die Nation zu den