Krüdener
815
sich abgestoßen fühlte. In Karlsruhe ging sie viel mit Jung - Stillina um.Schon jetzt glaubte sie berufen zu fein, den ?lrmen das Evangelium zu vredigen.Daher begab sie sich in Heidelberg in den Gefängnißtburm, um die uun Todeverurtheilten Verbrecher mit dem Troste des göttlichen Worts u> erquicken. Alssie darauf 1814 wieder nach Paris kam, hielt sie in ibrem Hause religiöse Ver-sammlungen, bei welchen die bedeutendsten Personen sich einfanden, und wo mansie im Hintergründe mehrer dunkler Zimmer in dem Gewände einer Priesterin aufden Knieen betend erblickte. Hier in ihrem Betsaale soll auch, wie man damalswähnte, die Idee des heiligen Bundes geweckt und durch Unterredungen mit demMonarchen, dessen Religiosität übrigens von jeder Schwärmerei frei war. ent-wickelt worden sein. Von dem Feste, das die russischen Heere in den Ebenen vonChalonS feierten, gab sie eine Beschreibung heraus (,,1.e c.ani>> <>e vertun", Paris ,beiNormand), worin sie ihre Ansicht von der Zeitgeschichte darlegt. 181.6 begabsich Frau v. K. nach Basel, wo der Pietismus bereits eine stille Gemeinde ver-sammelt hatte. Hier schloß sich ihr ein junger Geistlicher aus Genf , NamensEmpeytas, an, welcher in der Erbauungsstunke, die Frau v. K. alle Abende ineinem Gasthofe hielt, über religiöse Gegenstände sprach. Frauen und Mädchenhörten gläubig zu, wurden aber von dem Dränge, ihr Vermögen den Armen zugeben, tiefer ergriffen, und spendeten reichere Töpfer, als die Ordnung des Haus-haltes gestattete. Bald entstanden darüber Unordnungen und Miühelligkeiren inden Familien. Da trat der Pfarrer Fäsch auf und predigte gegen die unberufeneLehrerin. Sie mußte jetzt auf Befehl der Obrigkeit Basel verlassm. Ebenso ginges ihr in Lörrach, Aarau u. a. a. O. Doch wuchs überall die Zabl ihrer Ver-ehrer, besonders unter der Jugend. Dabei führte sie einen ausgebreiteten Brief-wechsel. Von weitem her brachte» ihr Boten Briese und Geld. 1816 nahm sienebst ihrer Tochter ihren Aufenthalt nicht weit von Basel, im Badischen , aufdem grenzacher Horn. Ihr Begleiter war, außer Empevkas und dem Prof.Lachenal von Basel , ein Herr Kellner, ein geborener Braunschweiger, der unterder westfälischen Regierung Postbeamter gewesen, als politisch verdächtig i„S Ge-fängniß gekommen und dort, so erzählte man, durch das Lesen der Bibel, deseinzigen Buches, welches man ihm gestattete, vom Spstem des Materialismuszu einer christlichen Gesinnung bekehrt worden war. Auf dem grenzacher Hornversammelten sich um die Frau v. K. viele Arme und Elende, aber noch mehrLandstreicher, welche bei ihr Obdach und Speise fanden. Mit gedankenloser Be-gier griff der Arme, ohne sich zur Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Frömmigkeit, Ge-duld und muthigem Ausharre» zu bekehren, nach der Hülfe, welche die neue Lebre„der guten, gnädigen Frau" ihm zeigte, die dem hartherzige» Reichthums dieSchuld alles Übels vorwarf. So störte, ohne es zu wollen, das schwärmerischeBeginnen der Frau v. K. die Ordnung der bürgerlichen Verhältnisse. Daberließ die Obrigkeit 181' das Hörnlein mit Jägern umringen und die Bettler nachLörrach abfuhren. Frau v. K. schrieb deßhalb an te» Minister v. Berthen» zuKarlsruhe einen merkwürdigen Brief, in welchem sie den Befehlen der Obrigkeitdas Gebot Gottes, sich der Hülfloien anzunehmen, entgegensetzte, für welches sie,„durch die Wüste der Civilisation wandernd", bereit sein müsse, ihr Leben dahin zugebe». Als sie hierauf im Mai das grenzacber Hornlein verließ, theilte sie einenAufruf an die Armen und eine Zeitung für die Armen (wovon aber nur ein Blatterschienen ist) aus, worin sie zwar manches Gute im Allgemeinen, aber wenigzweckmäßig und klar Gedachtes sagte, und statt das einfache: „Bete und arbeite,und bleibe im Lande und nähre dich redlich", einzuschärfen, vielmehr dem Irrthumund falscher Auslegung überall die Hand bot. Da die Frau v. K. da, wo sie hm-kam, die Einbildungskraft des großen Haufens m unruhige Bewegung setzte —oft umgaben sie mehr als 3000 Menschen — und durch die reichlichen Alnusen, >die