Band 
Sechster Band. K bis L.
Seite
335
JPEG-Download
 

335

Kunst (Freie Künste)

»nd in ihren Werken beurtheilt; worauf die Kunstphilosophie und alle Theorie d,rKünste beruht. Wir sprechen demnach das Verhältniß der Kunst zur Wissen-schaft also aus: Die Kunst ist, ihrem Wesen nach, Darstellung, null etwas In-neres zur Erscheinung bringen, und nicht das Wissen ist bei ihr die Hauptsache,sondern das äußerlich Hervorgebrachte; die Wissenschaft aber weilt im Kreise desAllgemeinen, der Gesetze lind des Zusammenhanges der Dinge, bei ihr ist also dieDarstellung nicht die Hauptsache, sondern das Pewufiiwerdcn geistiger Wahr-heiten durch Begriffe und deren Verbindungen. Wollen wir aber das Wesen derKunst genauer betrachten, so müssen wir auf das Bedürfniß zurückgehen, welchesden Menschen überhaupt antreibt, durch Bearbeitung des von der Natur empfan-genen Stoffs und Umbildung vorhandener Formen Veränderungen in der Erschei-nungSwelt hervorzubringen und die Natur zu seinen Zwecken zu behandeln. DasBedürfniß, welches ihn hierzu treibt, ist die Wahrnehmung oder das Gefühl, daßdie einzelnen Umgebungen und Erscheinungen der Natur und des Menschenlebens,wie sie sich vorfinden, mit seinen Zwecken nicht immer übereinstimmen. Inwie-fern er nun theils den Drang, zu wirken, lebhaft in sich fühlt, theils die Naturnach ihren Gesehen erkannt und mithin auf sie gesetzlich zu wirken, sie zu bildenund behandeln gelernt hat, insofern sucht er auch den selbstthätig vorgesetzten, oderihm gegebenen Zweck und, die vorhandene» Büttel zur Erreichung desselben ver-gleichend, das noch Mangelnde durch Combination zu ergänzen und erzeugt da-durch in sich die Vorstellung von etwas Anseiln, das als Büttel, die Federung desGedankens oder seiner innern Welt überhaupt mit den äußern und vorhandenenErscheinungen zu verbinden, eintreten soll: er erfindet und dichtet. Herrschaft desGeistes über die Natur ist somit aller Kunst Wesen und Kennzeichen, und allerKuustbestrebungen letzter Zweck und Erfolg beruht darauf, daß mit dem wachsen-den geistigen Bedürfnisse des Menschen die Natur und seine Umgebungen zu seinenidealen Federungen immer mehr erhoben werden. — II. Künste. Freie Künste.Durch ihre nächsten Zwecke und durch das nächste Bedürfniß, worauf sich dieWerke der Kunst gründen, sowie durch die herrschenden Kräfte, welche bei ihrerHervorbringung wirksam sind, und die Art, wie sie dabei in Wirksamkeit gesetztwerden, unterscheidet man Gebiete, Classen der Kunst, oder Künste. Jene Zweckesind aber, in Beziehung auf die Idee der Humanität, niedere oder relative, d. h. siefinden nur in Beziehung auf die höchsten statt und sind ihnen, in Hinsicht aufdie Bestimmung des Menschen, näher oder entfernter untergeordnet (sie sind z. B.Vergnügen, Nutzen), oder höhere und absolute, und somit sind auch die Bedürf-nisse niedere oder höhere; äußere, welche sich auf den Körper und die Sinnlichkeitbeziehen, oder innere, aus dem Gemüthe selbst hervorgehende. Einige setzen fer-ner mehr die Kräfte des Körpers, andre mehr die geistigen Kräfte, und zwar ein-seitig (z. B. den Sinn, den Verstand w.), oder allseitig in Bewegung. Endlich,die Wirksamkeit dieser Kräfte ist mehr mechanisch lind mit Anstrengung verbun-den (Arbeit), oder freie, leicht von statte» gehende Thätigkeit, die in ihrer Äuße-rung ihre» eignen Genuß findet und sich selbst zur Vollendung ihrer Werke anreizt(Spiel); und hiernach sind die Künste gebundene (mechanische), oder freie Künste.— Beiläufig muß hier bemerkt werden, daß man freie Künste (m le^ in^enuuc,Ii!x>>.>W>!. I-nnue) sonst diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten nannte, welche beiden Alten zu dem Unterrichte der Freigcborenen gehörten, und die man einesfreien Mannes würdig achtete, entgegengesetzt den Beschäftigungen der Sklave»(>nt» s<wAW>), worunter man größtentheils mechanische Arbeiten verstand.Man nahm dabei den Ausdruck: Kunst, nicht so streng, und rechnete daher auchWissenschaften hinzu. Gewöhnlich redet man von 7 freie» Künsten, nämlich:Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Musik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie,nach dein bekannten alten Gedenkverse: