Band 
Sechster Band. K bis L.
Seite
337
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Kunst (Schöne Kunst) 537

weit übertreffen. Die Kunst kann also auch in diesem Sinne nicht Nachahmerinder Natur sein. Aber in einem hebern Sinne ist die Natur selbst, oder bie Welt,die höchste lebendige Schönheit; indem sie als allumfassende Mannigfaltigkeitsinnlicher Erscheinungen in Wechselwirkung mit dem Geiste, der sich an ihr voll-kommen offenbart, auch das vollkommenste Game bildet, i» welchem die hcchsteMannigfaltigkeit und Einheit, die höchste Ruhe und Bewegung sich verbinden undalle streitenden Gegensatze vereinen. In diesem Geiste.gedacht, und als die nim-mer ruhende, bei keiner Bildung stehcnbleibende bildende Kraft, als rastlose Er-zeugerin der unendlichen Fülle endlicher Producte und Gestalten, schwebt sie alsVorbild über dem menschlichen Kunstwerke, und »ach ihrer Idee werden die einzel-ne» äußern Erscheinungen von uns beurtheilt. Denn vermöge jener Fälligkeit,von der äußern Welt allseitig berührt zu werden, welche an ein besonderes Srsteinfein gebildeter -Organe geknüpft ist, und indem sich im Menschen die Urstoffe derganzen, uns sichtbaren Welt so innig vereinen, daß die beseelte Menschengestaltuns selbst als das vollkommenste Sinnbild der Welt (als eine Welt ini Kleinen)erscheint, spiegelt sich im Geiste gleichsam die Natur: und wie der Mensch sichals das Ebenbild der Gottheit erkennt, so ist auch das anschauliche Werk, das indiesem Geiste empfangen wird, Nachschöpfüng, oder ein Sinnbild der lebendigenWelt, abgeschlossen und selbständig wie sie, und die mannigfaltigen Gestaltenund Wirkungen der Natur erhalten einen hoher» Glanz, wenn sie in geistiger Be-ziehung, wie Strahlen in einem Spiegel, aufgefaßt und in einem idealen Bildezurückgeworfen werden. Auch vermag der Mensch den Sinn und die Idee derNaturerscheinungen aufzufassen und die Veränderungen der Natur selbst auf dem-jenigen Punkte zu ergreifen, wo sie am meisten der Idee sich nähern, lind in die-sem Sinne kann man von Nachahmung der Natur — nicht ihrer einzelnensinnlichen Erscheinungen— reden, da ohnehin nicht letztere allein, sondern auchdas innere Lebe» der Menschheit und dessen Einwirkung auf die äußere Um-gebung, sofern es der Einbildungskraft anschaulich verstellbar, als abgeschlossenesBild in mannigfaltigen Charakteren, Gruppen, Thaten und Schicksalen der Men-schen sich überschauen läßt, mithin als Geschichte zu einem Gegenstände der Kunsterhoben wird. Die freie Darstellung des Schonen, wie wir die Kunst nannten, istaber zugleich Darstellung des Lebens: denn das Schone ist etwas Lebendiges, unddarstellen läßt sich nur etwas Inneres, was zum Leben gehen oder das Leben aus-macht. Das Kunstwerk soll aber vollendete Darstellung fein, mithin das voll-endete Leben oder die Erscheinungen, Äußerungen und Regungen eines genialenGemüth? (d. i. eine? solchen, in dem die höchsten Kräfte, vorzüglich aber Vernunft,Phantasie und Gefühl in einem natürlichen Gleichgewichte stehen, und das voneinem hoher» Geiste, dem Geiste der Welt, gleichsam bewegt wird), mithin zu-gleich die Idee des menschlichen Lebens in seinen verschiedenen Gestalten und Äu-ßerungen in einem organischen Bilde zur äußern Anschauung bringen. Das Kunst-werk ist also gleichsam das Zeichen, durch welches dieses innere Leben festgehaltenwerten soll, und das Erzeugmß eines lebendigen Dranges; mithin zwar mcht das(innere oder äußere) Lebe » selbst (dadurch steht es auch in gewisser Hinsieht hinter derNaturerscheinung zurück), sonder» nur S ch ein, oder die vollkommenste Erscheinungdesselben (wodurch es sich wiederum über die Naturerscheinungen,erhebt). Aberder Künstler muß das Leben in sich tragen und es darzustellen wissen als den eigent-lichen Gegenstand des Kunstwerks; und so wird er auch das schone darstellen.Ferner ist das Kunstwerk ein endliches und individuelles Werk, die Schönheit,Idee; die nähere Bestimmung ist also: 1) die Schönheit ist das Gehetz des Kunst-werks, die Beziehung auf dieselbe dem Kunstwerke wesentlich; aber 2) das ginnst-werk, als einzelnes Werk, umfaßt nickt tue Schönheit, schlief» nicht die hockst«Schönheit ein (denn diese ist unendlich, Ausgabe aller Kunstwerke, und wird nurEvtwersiUiouvrLez'ieo». Bd. VI. 22