Kunsireiscii 543
Kunstreisen, Reisen, welche um der Kunst willen gemacht werden, kön-nen sowol den Zweck haben, die eigne Kunst zu üben, als auch die Kunst Andrerim fremden Lande kennen zu lernen. Da Jemand, der nicht Künstler ist, seltenbloß der Kunstanschanung und Kunstbildung wegen eine Reise anstellt, wiewol dieWichtigkeit eines Landes in Hinsicht auf eine besondere Gattung derselben dies.leicht zum Hauptzweck einer bedeutenden Reise machen kann: so versteht mangewöhnlicher und vorzugsweise unter Kunsti eisen solche Reisen, welche von K ü n st-lern um der Kunst willen gemacht werden. An sich liegt ihnen eine schöne Ideezum Grunde. Die Kunst ist etwas Allgemeines und über den Schranken des In-dividuums Erhabenes. Es ist die Schönheit selbst, welche im Menschengeisteschaffend wirkt und beseligt. An dieser hat der Einzelne gleichkam nur seinen An-,theil, und soll er etwas Lebendiges, dem Menschen Angemessenes und Erfreust-,cheü hervorbringen, so muß die Schönheit menschlicher Werke ihn erfreut undmannigfal'ig angeregt haben. Zwar wird die Wissenschaft ebenfalls nicht vondem Einzelnen erzeugt, und ihre Ausbildung wäre ohne große Theilnahme undMitwirkung menschlicher Individuen unmöglich, weil sich auch hier durch Prüfungund Vergleichung des Verschiedenen die Ansicht und Schranke der einzelnen Krafterweitert; aber im Verhältniß zur Wissenschaft, die durch Literatur befördertwird, ist die Kunst doch mehr wandernder Natur. Das Geisteswcrk wirddurch Schrift vervielfältigt, und die wissenschaftlichen Fortschritte ferner Länderwerden dem Gelehrten leicht auf seiner Stube bekannt. Nicht ebenso ist es mitallen Werken der Kunst, die keine Beschreibung vollständig kennen lehrt. DiePoesie schließt sich hierin zunächst an die Wissenschaft an, und wenn die Dichterrecke», so geschieht es mehr, um ihren poetischen Geist durch erweiterte Lebens-anschauung anzuregen, als um auf diesen Reisen ihre Kunst unmittelbar zu übenund fremde Poesie kennen zu lerne». Anders war es überall, wo Dichter undSänger oder Schauspieler noch Eine Person ausmachten. In den ältesten Zeuender griechischen Bildung finden wir wandernde Sänger, die an den Höfen der Für-sten oder vor dem Volke ihre Lieder sangen und hochbewundert und belohnt davon-zogen. So wurde, wie es von Arion heißt, die Kunst, die ihm ein Goir gege-ben, „vieler Tausende Lustck So nennen uns die ältesten übrig gebliebenen Na-tionalgesänge der Griechen schon wandernde Sänger. Die Rhapsoden trugen dieseNationalgesänge Vor, und viele dieser reisten späterhin zu den musikalischen Wett-streiten in den Odeen, wo sie in allen DichkungSanen wetteifernd auftraten; denndie Kunst war in Griechenland das Interesse der Nation. In der neuern Poesiefinden wir wandernde Troubadours und Minnesänger (s. d.); aber ihreWanderungen und Wettstreite waren nicht auf allgemeine Theilnahme des Volksberechnet. Mehr, als die Poesie an sich, bedarf die b i ldende Kunst der Reisenzu ihrer Entwickelung. Der Baukunstler findet ain Orte seiner Geburt und Hci-marh selten Gelegenheit zur vollkommenen Ausbildung und Ausübung seiner Kunst,wie sehr auch die Baukunst durch klimatische Verhältnisse bedingt ist. Daher fin-den wir schon Wanderungen der Baukunstler in der ältesten Zeit. Zur Verschene-rung und Vergrößerung IerukaleniS wurden phönizckche Bauleute gebraucht, undviele Kirchen, welche in Italien prangen, wurden durch deutsche Baumeister aus-geführt. — Was den Bildhauer betrifft, so ist es anerkannt, daß ebne Anschauungund Studium der Antiken in diesem Fache keiner etwas Bedeutendes zu leisten imStande ist. Daher muß dieser Künstler, wenn er nickt an Tfi ten lebt, wo An-tiken in Museen aufgestellt sind, nach diesen reisen, oder das vielgepriesen. Landsehen, welches noch jetzt die meisten bedeutenden Werke der Baukunst un^.Bjld-hauerkunst des griechischen und römischen Alterthums aufbewahrt. — Der Ma-ler, der seine Phantasie mir allem sichtbaren Schönen, sei es Werk der Nar^oder der Kunst, Mithin auch der Bildhauer - und Baukunst, befruchten muß