476
Lavater
Übervorteilten wurden von Grebel entschädigt, und die muthigen Rächer des Un-recht« mit ausgezeichneter Achtung belohnt. In Gesellschaft Füßli's reiste L. 1763über Leipzig und Berlin , wo er die bedeutendsten Gelehrten jener Zeit kennen lernte,zu Spalting nach Barth in Schwedischpommern, um seine Bildung zum Geist-lichen im Umgänge dieses Theologen zu vollenden. Mehre Monate vergingen ihmhier unter theologische» und ästhetischen Studien, und konnte auch Spalding'SRuhe und Klarheit nicht auf sein feuriges Wesen übergehen, so verdankte er diesemAufenthalte doch manchen Wink über die würdige Verwaltung des Predigtamtes,und dieser Reise überhaupt eine nähere Bekanntschaft mit der deutschen Literatur.Dies zeigte sich bald nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt, 1761, wo er nun seineZeit zwischen jener freundschaftlichen Seelsorge, biblischen Studien und poetischenVersuchen theilte. Klopstock's und Dodmer g Musen hatten sein nicht gemeinesDichtertalent angeregt, das sich nun täglich in Liedern ergoß und gleich anfangs dieernste Richtung auf Religion und Vaterland nahm, die es sein ganzes Lebe» hin-durch behielt. Seine anerkannt trefflichen „Schweizerlieder", die 1767, und die„Aussichten in die Ewigkeit", die 1768 zuerst erschienen, erwarben ihm eine MengeVerehrer, die, hingerissen von dem Zauber seiner Phantasiereichen Darstellung, ihmnachsahen, daß er in den letzter« sich oft in kühne Muthmaßungen verlor und dieAufschlüsse über das Jenseits schuldig blieb, die sein zuversichtlicher Ton zu ver-sprechen schien. So wirkte er schon in einem ausgebreiteten Kreise, als ihn dieSorgen des häuslichen Lebens (seit 1766 war er mit der frommen Gattin, die ihnüberlebte, verbunden) und die Pflichten des geistlichen Amtes, in das er 1769 alsDiakonus an der Waisenhauskirche zu Zürich getreten, in Anspruch nahmen. Dochder Trieb und die Fähigkeit, Vielen Vieles zu sein, war ihm nun einmal eigen, undwährend die außerordentliche Wirkung seiner Predigten, die voll Geist. Leben undGlaubenszuversicht, durch eine starke, herzgewinnende und >mhrende -spräche dengrößten Beifall fanden, die anziehende Kraft s. Umgangs, die sittliche Reinheit undEinfachheit s. Lebenswandels, sowie endlich die unermüdete, aufopfernde Herzens-gute, mit der er überall zu nützen suchte und besonders in der Wohlthätigkeit gegenArme eher zu viel als zu wenig that, ihn eigentlich zum Manne des Volks und Lieb-ling seiner Gemeinde machten, gingen die in seinem immer geschäftigen Kopfe sichdrängenden Plane auf ein immer sich erweiternde« Wirken hinaus. Seine Predig-ten, deren mehre Bde. seit 1772 gedruckt wurden, fanden auch im Auslande großenBeifall; sein „Sittenbüchlein für Dienstboten" füllte eine Lücke in der Volkslttera-tur sehr zweckmäßig aus, und die Gedichte, die er von Zeit zu Zeit herausgab, dien-ten, wie weit auch die meisten hinter der körnigen Einfachheit und Lebensfrische seinerSchweizerlieder zurückblieben, doch wegen ihrer Herzlichkeit und religiösen WärmeVielen zur Stärkung und Freude. Nur bei einer, und gerade der geräuschvollstenund versprechendsten seiner Unternehmungen wich er, ohne es zu wissen, etwas ausder Bahn seines sonst rein religiösen Wirkens: wir meinen s. „Physiognomik".Seine früh geübte Beobachtungsgabe und s. Menschenkenntniß hatten ihn in denStand gesetzt, sich von Personen jeder Art nach einigem Umgänge bald ein treffen-des Bild ihrer Natur und ihres Charakters abzunehmen, und da dies Bild in seinemAlles zur Anschauung gestaltenden Gemüthe leicht mit der Vorstellung ihrer Ge-sichtszüge zusammenschmolz, so war es kein Wunder, daß er sich allmälig von einerallgemeinern Übereinstimmung des äußern Men^-m mir dem innern überzeugte, alsdie behutsame Menschenkunde erfahrener Welt anzunehmen wagt. Gewohnt,jede Erscheinung so viel als möglich zu verallge,....nern, kam er auch auf den Ein-fall, die Linien des Menschenprosilö für zuverlässige Merkmale des Charakters zuerklären, und die Physiognomik, die bisher, was sie auch noch ist, nur eine Zusam-menstellung bescheidener, auf ähnliche Fälle gegründeter Vermuthungen gewesenrvgr, zur Wissenschaft zu erheben. Seit 176S hing L. an dieser Idee und sam-