Band 
Sechster Band. K bis L.
Seite
477
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Lavater

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melte aus allen Gegenden, die sein ausgebreiteter, Alles, was damals berühmt war,in den Zauderkreis seines Unternehmens hineinziehender Briefwechsel erreichenkonnte, Schattenrisse bekannter Personen als Hülfsmittel und BeweiSthümer sei-ner psychologischen Zergliederungen des Mcnschengesichts. Besonders ging er aufThristusköpfe aus. Denn mit der Grundidee seines WlrebenS, die Menschheit, andie er kindlich glaubte, nach dem sittlichen Vorbilde Jesu herzustellen, hing in seinemmenschenfreundltchen Herzen die Tha. akterkunde aus den Gesichtezügen ebenfallseng zusammen, ^n die Zeit dieses physiognomischen Treibens fallt 1774 s. Reiseins emser Bad, der wir eine höchst unmuthige Episode in Göthe's „Leben" (Bd. 3)verdanken. Mit Göthe , der schon unter s. Torrcspcndenten gehörte, mit Basedow,Iung-.Skillmg, Iacobi und a. bedeutenden Männern Deutschlands befreundetesich L. auf der emser Reise näher, und nicht anders, als man großen Künstlern zuthun pflegt, wurde er schon damals von Hohen und Niedern bewundert und gefeiert.Eine Berühmtheit wie wenig deutsche Gelehrte erlangte er aber in und außerDeutschland , als die Frucht s. physiognomischen Studien, ein Prachtwerk in 4 Bdn.,4., unter dem bescheidenen Titel: „Physiognomische Fragmente", 1775 fg. ansLicht kam. (Neue von Armbrustcr abgekürzte AuSg. Wien , b. Sollinger, 1829,4 Bde. m. 120 Kpf.) Eine Menge von Thodowiecki, Lips, Schcllenberg u. a.Künstlern gestochener und meist wohlgetroffener Portraits und Schattenrisse merk-würdiger Personen empfahlen dieses Werk, und wie eine Göttersprache wirkte derSchwung des schwülstigen, in poetischen Kraftworten und begeisterten Ausrufungenhinrollenden Styls, in dem L. diese Bilder erklärte und das Geheimniß der Phy-siognomik enthüllte. Eine franz. Übersetz, wurde bald nöthig, und was in jener fürgeheime Wissenschaften noch sehr empfänglichen Zeit nur gelehrt, geschmackvoll undgebildet hieß, nahm Theil an einer Entdeckung, die nichts Geringeres als ein Steinder Weisen für das gesellige Leben zu werden versprach. Denn wenn sie Probe hielt,so konnten ihre Eingeweihten das Innere jedes Menschen, der ihnen vorkam, in sei-nen Zügen ohne große Mühe /esen. Spuren des Genius, Scharfsinn, Vergleichungs-gabe und tiefe Blicke ins menschliche Herz sind, wie überhaupt Allem, was L. schrieb,auch s Physiognomik nicht abzusprechen; nur konnte bei kälterer Prüfung die Un-haltbarkeil des ganzen Entwurfs dem ruhigen Forscher nicht lange verborgen bleiben.Denn wenn auch Jedermann die Schönheit in denselben Linien des Profils gefun-den hätte, an die sie L. band, so wurde doch die Wahrheit des als physiognomischeRegel aufgestellten Satzes, daß äußere Schönheit und Häßlichkeit ein treuer Abdruckder innern sei, durch eine Menge lügensirafender Ausnahmen verdächtig. Wo manihr aber dennoch gläubig nachging, da gab sie zu so vielen theils lächerlichen, theilsgefährlichen Mißgriffen Anlaß, taß Lichkenberg und andre Gegner der Physiogno-mik sie leicht als eine Modethorheit durchziehen und ihr den Anspruch aufdie schöneFirma: „Zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe", unter der sieaufgetreten war, absprechen konnten. Aus der darüber entstandenen heftigen lilera-rischen Fehde trug der hanöversche Leibarzt Zimmermann, der kreueste BewundererL.'s, der sich mit mehr Eifer und Zuversicht als Geschick zum Retter seiner Theorieaufgewoi-fen hatte, unheilbare Wunden, und der unbefangene Theil der Leser dieÜberzeugung davon, daß dem Erfinder hier etwas Menschliches begegnet, und dieGrnnelage seiner Physiognomik nur in s. persönlichen Gefühlen, zufolge deren ers. Regeln von den Gesichtszügen einzelner Menschen, die ihm lieb oder widerwärtigwaren, abzog, zu suchen sei. L. selbst scheint später von dem stark n Glaubendaran zurückgekommen zu sein und, während er die Heilkunde des innern Menschenimmer eifriger betrieb, seine Studien über die Züge des äußern in eine unschuldigeKunstkiebhaberei verwandelt zu haben. (A. Physiognomik.) Unerschütterlichhielt er dagegen <!n der ihm eignen Ansicht des Christenthums, die, aus s. Phanta-sien über die biblischen Lehren mehr als aus diesen selbst erwachse», neue Deutung