478
Lavater
mit steifer Orthodoxie, philosophische Erörterung mit Aberglauben wunderlich ver-mischte. Der Grundzuz dieser Anstcht war s. Glaube an die Möglichkeil sinnlicherErfahrungen von den unsichtbaren Kräften, die da« Christenthum in der geistigenWelt erweckt hat. Düker ging er in s. Meinung von dem Einstufte des verklärtenChristus aufdie sichtbare Welt, von der Gemeinschaft der Gläubigen mit ihm, dielhm fast eine physische Verwandtschaft war, von der Allgemeinheit der außerordent-ltchen Gaben des heil. Geistes, von der Kraft des Glaubens, von dem Rechte derChristen aufErhörung ihrer b-stimmkesten Billgebete, worüber er selbst merkwür-dige Erfahrungen gemacht hatte, überall weiter, als eine richtige Erklärung der heil.Schrift erlaubt, und folgerte oft zu schnell, was seiner Phantasie annehmlich schien.Dies zeigte sich am auffallendsten in s. größern Epopäen: „Jesus Messias" und„Pontius Pilarus" (1181 — 86), worin er sich am geireuesten ausfpricht, und inden „Erzählungen eines christlichen Dichters" (1195), die insgesammt, wie über-haupt die religiösen und poetischen Schriften, in denen er dogmatisirt, deutlich be-weisen, daß er als Theolog zu sehr Dichter und als Dichter zu sehr Theolog war.Erklärlich ist es daher, warum ihm s. Bekehrungsvei suche bei eigentlichen Gelehr-ten und selbständigen Männern so wenig glücken wollten. Wie redlich er es auchmit dem Wunsche meinte, daß jeder bedeutende Mann, der ihm werth war, seineAnsicht theilen möchte; wie geduldig und unverdrossen er auch bei s. Bemühungen,Andre zu überzeugen, verfuhr: etwas Gewaltsames und Peinliches lag immer ins. gewohnten Manier, Andersdenkende durch die Alternative, daß sie ihn entwederwiderlegen oder seinen Glauben annehmen sollten, zu unumwundenen Erklärungenzu nöthigen. Auf diese Art halte er im ersten Zugendfeuer die Bekehrung des jü-dischen Philosophen Mendelssohn übernommen, ein Versuch, der ihm eine be-schämende Zurechtweisung zuzog, ohne ihn von ähnlichen Wagsiücken abzuhalten.So kam er zum Theil durch eigne Schuld in den Ruf eines Schwärmers, der sichin Alles mische und seine Meinungen Jedermann aufdringen wolle. In der Thatwar es ihm natürlich, an jeder öffentlichen Sache, welche die Religion anzugehenschien, lebhaften Antheil zu nehmen. Seine entschiedene Neigung zum Wunder-baren, Übernatürlichen und Geheimnißvollen verleitete ihn mehr als ein Mal, dieErwartung von Wundern und Offenbarungen laut werden zu lassen, und in demBestreben, etwas Unerhörtes zu entdecken und zu sagen, streifte er oft nahe an dasAbenteuerliche. Daher wurde eS ihm hoch angerechnet, daß er von Gaßner S Teu-ft lsbeschwörungen Kenntniß nahm und ihm eine gewisse Glaubenskraft zuschrieb.Aus einem freundschaftlichen Verkehre mit einigen kathol. Theologen zog man diegrundlose Beschuldigung geheimer Parteilichkeit sür den Katholicismus, den L.koch nur von seinen löblichen Seiten anerkannte, ohne sich durch die Zumuthungenkathol. Eiferer, die ihn zu gewinnen hofften, wie Sulzer in Konstanz , zu der min-desten Annäherung bewegen zu lassen; ja Manche hielten ihn gar für einen gehet,men Obern des Jesuitenordens. Und als er gar von der Mcsmer'schen Entdeckungdes Magnetismus neue Aufschlüsse über die Natur des Menschen und Erklärungender Wundercuren Jesu erwartete, mußte er über seinen ernstlichen Antheil an dieserSache die bittersten Vorwürfe hören. Überhaupt war s. theosophischer und poeti-scher Dogmatismus (im grellsten Gegensätze mit der Skepsis, der sich die Theologiedamals mächtig entgegendrangte) den Aufklärern natürlich eine Thorheit, sowiedie Leichtigkeit, mit derer, von dem gewaltigen Regen des Natur- und FreiheilS-geistes jenerZ ,t ergriffen, sich doch auch wieder manche neue Gestaltung erlaubte,den Altgläubigen ein Ärgerniß, während dagegen eine große Schar unkritischer undwohlgesinnter Laien, die nür ihr Gefühl beschwichtigt wissen weilten, gerate in s.humanen, das menschliche Herz so vertraulich ansprechenden Christenthume die voll-kommenste Schutzwehr gegen den überhandnehmenden Unglauben fand. Mir ei-nem fast unbedingten Vertrauen überließen sich auch außer s. Gemeinde gefühlvolle