Band 
Sechster Band. K bis L.
Seite
479
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Lavater

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Halbgelehrte, trostbedürstige Weltleute und zartsinnige Frauen, die ihn eigentlicham besten verstanden, seiner geistlichen Leitung. Ein lebhafter Briefwechsel inGcwiffensangelcgcnheiten machte ihn zum Seelsorger frommer Familien in allenGegenden Deutschlands , und s. Reisen wurden Triumphzüge eines Propheten, anden sich überall die Gottseligen drängten, um das Wort des Lebens aus s. Mundezu vernehmen, denn er ließ sich leicht bewegen, in fremden Städten und an sürstl.Höfen Predigten und Andachlsübungen zu halten. Kein protestantischer Geistli-cher des 18. Jahrh, hak mehr Verehrung genossen, als L. n auf seiner Reise nachBremen , 1786, entgegenkam. Ein ehrenvoller Ruf zum Diakonat bei der refor-mirtenGemeinde inBremen, den er aus Liebe zu s. Vaterstadt, in welcher er 1775Pfarrer an der Waisenkirche und 1778 Diakonus an der Peterskirche gewordenwar, deren Pfarramt ihm bald nach s. Rückkehr zu Theil wurde, eben ausgeschla-gcn hatte, gab dieser Reise eine besondere Bedeutung. In der That hatte auchseine Gegenwart etwas Einnehmendes, dem nicht leicht Jemand widerstand, undwer in der Ferne mit ihm unzufrieden war, befreundete sich ihm in der Nähe.Der Adel und die schweizerische Treuherzigkeit s. Betragens, die stille Begeisterungund liefe Sanftmulh s. Blicks, die ausgezeichnete Anmuth s. Lippen, die etwasvorgebogene Haltung s. schlanken, wohlgebildeten Körpers, der Ausdruck einerMenschenfreundlichkeit und Güte, die die Obergewalt s. Geistes milderte, ohne siezu verläugnen, die jungfräuliche Reinigkeit und Zartheit s. ganzen Wesens: Allesdies gab seiner persönlichen Erscheinung so viel Feierliches und Wohlthuendes, daßman sich ihm gegenüber unwillkürlich von Ehrfurcht und Liebe ergriffen fühlte.Dazukam eine selteneFaßlichkeit und Verständlichkeit im Gespräche, eine geistigeHoheit und Salbung, die auf der Kanzel jedem seiner Worte Gewicht gab, dieÜbereilungen seines Eifers im Flusse der Rede bedeckte, und selbst im geselligen Um-gänge ungezwungen hervorblickend, keinen Spötter gegen ihn aufkommen ließ, einesittliche Grazie, die auch s. Scherze adelte und jeden Cirkel, in den er eintrat, inOrdnung erhielt, endlich das Eigenthümliche und die Fülle s. Gedankenganges, dieoft überraschend und immer anregend und erwärmend aufs. Umgebungen wirkten.Seine „Aussichten in die Ewigkeit" hatten ihn bei der Menge längst m den Rufhöherer Scherkräfte gesetzt, und in s. Erbauungsschriften waltete neben tiefer Men-schenkenntnis und ungemeiner moralischer Kraft wirklich da« göttliche Leben, dasdie Gemüther überzeugt, erquickt und tröstet. Seine „Predigten über das BuchIonaü" und „über die Liebe", die „Handbibel" und „Lieder für Leidende", die „Be-trachtungen über die wichtigsten Stellen in den Evangelien" gehören zu den treff-lichsten Erbauungsbüchern in der deutschen Literatur. Auch s. „Tagebuch einesgeheimen Beobachters seiner selbst" hat unstreitig viel Gutes gewirkt, und die Arg-losigkeit, womit er es bekannt werden ließ, würde ihm nie nachtheilig gewordensein, wenn er nicht zu viele besondere Unistände seines eignen Lebens hineingemischthätte, die ihn dem Mißverstände und der Verleumdung bloßstellen mußten. JenesTagebuch, die Geschäftigkeit dienender Freunde und Zwischenträger, die Berichteder Reisenden, brachten jeden Schritt und jede Äußerung von ihm unter die Leute,ja die öffentliche Aufmerksamkeit erstreckte sich in jenen friedlichen Iahrzehenden,wo man noch Zeit hatte, das Kleine wichtig zu finden, bis auf die unbedeutendstenVorfälle und Wendungen seines Lebens und Treibens. Daher wurde ihm dasGlück eines großen Ruhms oft durch ärgerliche Klatschereien undHändel verbittert,denn er selbst war zu wenig besorgt, jeden Anlaß zu öffentlichen Verhandlungenüber sein Privatleben zu vermeiden. Auch verleitete ihn seine durch allzu großenBeifall genährte Eitelkeit bisweilen zu kleinlichen Schritten und einer empfindlichenSorgfalt für s. Ruhm. Dieser kam allerdings in Gefahr, da er nach einer Reise,die er auf Einladung des Ministers Bernstorff 1795 nach Kopenhagen unternom-men hatte, ein Tagebuch derselben herauszugeben anfing. Knigge machte sich so-