Band 
Sechster Band. K bis L.
Seite
575
JPEG-Download
 

Librratität

575

Liberalität (von Über, der Freie, daher liberal!-;, dem Freien gemäß)bezeichnet ursprünglich denFreisinn, oder die eines freien Mannes würdigeDenk-art und Handlungsweise. Der eigentliche Gegensatz davon ist die Serv ili tät(von »er»u», derKnecht oder Sklav , daher »ervili», demSklaven gemäß), mit-hin der Knechtssinn, oder die gewöhnlich dem Sklaven eigne Denkart und Hand-lungsweise, wofür man aber auch Illibcralität sagen kann, weil solcheDenkart undHandlungsweiseauch beiPersonen vorkommen kann, die sich nicht im Zustande derKnechtschaft befinden. Da es eines freien Mannes würdig ist, von seinem Eigen-thunie dem Bedürftigen gern mitzutheilen, so heißt Liberalität auch oft so viel alsFreigebigkeit, undIlliberalitätso vielalsKargheit. Da es ferner eines freien Man-nes würdig ist, dieRechte Andrer ungekränkt zu lassen, besonders das Jedem ange-borene und eben darum unveräußerliche Recht der Denkfreiheit, so bekommen dieAusdrücke Liberalität undIlliberalität auch oft die Nebenbedeutung von Duldsam-keit und Unduldsamkeit (Toleranz und Intoleranz). — Die Griechen und Römerüberließen ihren Sklaven gewöhnlich diemechanischenKünste, die mehr Hand-alsKopfarbeit fotern, und behielten sich selbst, als freien Männern, die Hähern Künstesammt den damit in Verbindung stehenden Wissenschaften vor. Daher nanntensie jene auch knechtische (servile»), diese hingegen freie Künste (liberale» arte»).(S.K i, n st.) In den neuesten Zeiten ist die Liberalikätauch auf das bürgerliche undkirchliche Leben bezogen worden. Diesogen. liberalen Ideen sind daher keineandern als die Ideen von der politischen und religiösen Freiheit, nach deren Reali-sirung das gegenwärtige Zeitalter mit so großer Regsamkeit strebt; weshalb manauch dasselbe das Zeitalter der liberale» Ideen genannt hat. Eine liberale Verfas-sung istebendaher eine Staatsverfassung, wodurch die polnische und religiöse Frei-heit der Bürger anerkannt und möglichst gesichert ist, mithin eine stellvertretende oderrepräsentative. Übrigens kann der Mißbrauch, den man zuweilen mit dem WorteLiberalität wie mit dem Worte Humanität getrieben hat, die Liberalität oderFrei-sinnigkeit selbst nicht in Mißkredit bringen. Hat doch selbst Napoleon , wie HerrV.Pradt berichtet, die Macht der liberalen Ideen, als die, welche allein ihn gestürzt,anerkennen müssen! Diese Macht aber ist keine andre, als die der Vernunft selbst,des Urquells aller Ideen. Die liberalen Ideen bekämpfen heißt daher nichts An-deres, als die Vernunft selbst bekämpfen, also unvernünftig handeln.

Aber auch das Edelstewird entwürdigt, wenn es sich in den Dienst derFactio-nen begibt und das reine Ziel der Wahrheit und Gerechtigkeit nur zum Dorwandesolcher Zwecke nimmt, welche auf irgend einen persönlichen Vortheil, sei es auchein an sich erlaubter, gerichtet find. Sowie es ein falscher Rov-lismus, ein fal-scher Eiferfür Religion und Kircheist, welcher nicht bloß dieAchkung für die mon-archischen Grundlagen des öffentlichen Rechts und die sittlich - religiöse ErziehungdesVolks ausrecht halten will, sondern dieses hohe Ziel auch nur nach den einseiti-gen Ansichten und Vorurtheilen einer bestimmten Partei, ja nur durch die Mit-glieder dieser Partei und zu ihrem besondern Vortheil fördern will: so ist es auchem unechter Liberalismus, wenn man meint, daß Recht und Pahrheit schlechter-dings nur durch die Zerstörung derjenigen Verfassungsformen gedeihen können,welche die Geschichte, und sagen wir lieber die Vorsehung, den Völker» als die ei-genthümliche Bahn ihres öffentlichen Lebens vorgeschrieben hat. So thöricht undfrevelhaft es auch wäre, das nie endende Werden in der Natur und dem Leben derVölker in ein starres, stillstehendes Sein versteinern zu wollen zwiewol es auch sehrzweifelhaft ist, ob ein solcher Gedanke jemals im Ernste in eines Menschen Kopfgekommen ist, weil auch die, welche vom bloßen Erhalten sprechen, doch immernoch ein Erreichen eines oder des andern Punktes, folglich ein Verändern im Hin-tergründe haben): ebenso unverständig, ja verbrecherisch ist es, der natürlichenEntwickelung der Dinge vorzugreifen und die Aufgabe des Schicksals eigenmäch-