Band 
Sechster Band. K bis L.
Seite
616
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SIS Literaturzcittmgen

sie soll für jedes Gebiet in dem weiten Reiche der Literatur eine Art allgemeiner Nei-sebeschreibnng sein, in welcher alle Entdcckungsversuche, alle Derirrungen und Aus-schweifungen der Erkenntniß aufgezeichnet sind; kurz. sie soll zur Kenntniß der ver-borgenste» Gänge des menschlichen Geistes auf dem Wege zur Wahrheit, wie zumIri.hume, der verschiedenen Anstöße, durch welche sich die Wahrheit durchkämpfen,der verschiedenen Wege, Gestalten, Schicksale, die sie durchwandern muß, um eineallgemeine Erleuchtung unter den Menschen verbreiten zu können, die Einsicht ver-schaffen. Diesem zufolge muß eine Geschichte der Literatur die Darstellung des All-gemeingültigen und Höchsten sein, was die in den Wissenschaften schaffenden undergreifenden Geister in der Zeit hervorgebracht haben, und sie muß zeigen, wie mandurch die wiederholte Offenbarung der freühätigen Vernunft eine Lösung der Auf-gabe aller Wissenschaft versuchte. Man unterscheidet eine allgemeine Literatur allerVölker und Zeilen und eine besondere, d. h. einzelner Zeitabschnitte u. Völker, z. B.alte, mittlere, neue Literatur, griech., latcin., engl., ital. rc. Wie die Wissenschaftder Kunst, so stellt man die Litcraturgeschichte der Kunstgeschichte entgegen; nurzieht man gewöhnlich den Theil der Kunst, dessen Werke durch Schrift mitgetheiltwerden, wir meinen die Poesie, mit zur Likeraturgeschichte und spricht von einer schö-nen Literatur im Gegensatze der sogen, strengen Wissenschaften. Außer der Poesierechnete man ehedem auch die Theorie der schönen Künste überhaupt dahin unterdem Titel der schönen Wissenschaften (str-Nr, Iciii ez), und die Facultärs- u. Brot-rvissenschaften haben diesen gar oft u. d. N. der Belletristik, sowie ihren Anhängern,den Belletristen, einen bösen Leumund gemacht. Die Wahrheit ist, daß die Poesiezur Kunst, ihre Theorie aber zu den Wissenschaften gehört, und daß schöne Wissen-schaft ei» unpassender Ausdruck ist. Soll jedoch die Poesie als schöne Literatur gel-ten, so ist sie es doch nicht allein, sondern eS gehört dann zur schönen Literatur einerNation der ganze Kreis der Humanitätsstudien, alle Werke derPoetik, Philosophie,Geschichte, Beredtsamkeit, insoweit nämlich, aksdieselben Einsprüche auf schöne Dar-stellung haben und in der Muttersprache geschrieben sind. Daß diese Begriffbestim-mung nicht willkürlich sei, kann inan schon daraus schließen, daß alle Nationen dieSchriftsteller, welche sie als classische auszeichneten, aus diesem Kreise wählten.

Literaturzeitungen und l i t e r a r i sch -k r i t i sch e Ze i k sch r i f-ten. Beinahe schon seil einem Jahrh, war für die schnellere Verbreitung der Be-gebenheiten der politischen Welt durch die Erfindung periodischer Schriften gesorgtworden, als man erst daran dachte, auch die literarischen Erscheinungen durch ähn-liche Anstalten zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Indessen waren, obgleichähnlich in ihrem allgemeinen Zwecke, beide Anstalten in Hinsicht ihrer weiter» Aus-führung von einander unterschieden. Wenn die politischen Tagebücher jener Zeitnichts weiter waren und sein sollten als einfache Berichte der einzelnen Begeben-heiten al« solcher, ohne auf ihren innern Zusammenhang oder ihre muihmaßlichenFolgen Rücksicht zu nehmen, so Mittelteil im Gegentheil die literarischen, schon vonihrem ersten Ursprünge an, das Verhältniß der verschiedenen wissenschaftlichen Er-scheinungen, wo nicht zu dem höchsten Ideal, doch meist zu dem eben bestehendenGrade und Charakter der literarischen Cultur aus und bestimmten danach ihrenWerth. So mußten sie, wie oft auch beschränkte Nationalvorurtheile oder »ochniedrigere persönliche Rücksichten und Leidenschaften unter ihrem Schilde zügellosesSpiel trieben, einer der kräftigsten Hebel der literarischen Cultur der gesammtengebildeten Welt werden; sie wurden das Bindemittel zwischen den verschiedenstenNationen, welche sich bisher, in sich abgeschloss n, bloß in ihrer Individualität aus-gebildet hatten; sie erzeugten durch den gegenseitigen Umtausch der Ideen Vielsei-tigkeit und Mannigfaltigkeit der gelebrten Bildung; sie erweckten Wettstreit unterden Nationen und regten durch die Öffentlichkeit dieser Verhandlungen die auf derliterarischen Bühne auftretenden Männer zu minier größerm Streben »ach Voll-