Band 
Siebenter Band. M bis N.
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Menschcnbildung

die liberalem ErziehungScheorien darauf gedrungen, dass jedem Kinde vor Allemzu Entwickelung seiner gesammten Menscheickraft und tur moralischen Reife(Selbstbestimmungsfähigkeit) geholfen werde, ehe es in einen besondern Standund Beruf eintritt. Wie schön und herzerbebeud aber auch diese philanthropischeIdee sich in der Theorie darstellen labt, so darf man doch nur in das Einzelne derPraxis eingehen und ihre Anwendung in einem bestimmten Falle «ersuchen , umeinzusehen, wie vielen fast vernichtenden Beschränkungen sie in der Ausführungunterliegt. Schon durch seine Geburt gehört das Kind nicht bloß der Gattung(der Menschheit), sondern auch zugleich einer bestimmten Classe, einem gewissenStande an. Unter dem Einflüsse der besondern Lebensart und Ansichten desStandes seiner Altern wächst es heran, und wer weiß nicht, wie sehr durch diesendie Richtung des kindlichen Gemüths meist für das ganze Leben entscheidendenUmstand das Reinmenschliche in ihm verkümmert wird. Mögen die Altern nochso sehr von der Idee einer absoluten Menschenbildung durchdrungen und noch sosorgfältig aus ihre Ausführung bedacht sein, eS wird selbst ihnen, wenn sie einmalin der Gesellschaft eine bestimmte Stelle einnehmen, nicht gelingen, den Einflußunvermeidlicher Umgebungen, die in die Sphäre dieser besondern Lebensart undAnsicht hineinziehen, von ihrem Kinde gänzlich abzuwehren. Noch viel wenigerwird der Lehrer und Erzieher, dem das Kind als ein von Natur eigen geartetes,durch besondere Verhältnisse bestimmtes und dadurch der reinen Menschheit schonin Etwas entfremdetes Subject zugeführt wird, in der kurzen BildungSperiode,die eS unter seiner Leitung durchschreiten darf, im Stande sein, alle jene frühernEindrücke zu verwischen und die Idee der Erziehung zum reinen Menschen an ihmauszuführen. Dabei fahren jene äußern Umgebungen, die nur sehr selten nach derIdee des Erziehers geregelt werden können, immerwährend fort, verwirrend aufdas Kind zu wirken, und ihre Gewalt ist viel eindringender als die geistige Machtder Schule. Auch von der Schule selbst wird mehr als Menschenbildung gefedert;sie soll nach dem Willen der Altern und den Zwecken des StaatS gemäß ihre Zög-linge für bestimmte bürgerliche Verhältnisse bilden und frühzeitig an die herkömm-lichen Formen der Gesellschaft gewöhnen. Alle bestehende öss.ntlicbe Bildungsan-sialten sind nach dieser Federung eingerichtet und auf besondere Verhältnisse undStände berechnet. Wir haben Gelchrtenschulcn, Ritterakadcnuen, HandlungS-schulen, Bürgerschulen, Anncnschulen, Landschulen u.s.w.; aber Anstalten fürdie Bildung zum Menschen schlechthin sind noch von keinem Staate gegründetworden; denn jeder glaubt der Idee der Menschenbildung, weit sie ihn angeht,Genüge zu leisten, wenn er Das, was jedem Menschen zu wissen und ni könnennöthig ist, in den Elementarschulen lehren lästt und ;ur Grundlage der Bildungfür alle Stände macht. Mehr kann man auch billigcrweile von der öffentlichenErziehung nicht verlangen, und selbst die häusliche oder Institutserziehung, die sichin der Regel noch leichter nach einer Theorie ordnen,lästt, wird sich begnügen müs-sen , durch eine planmästige Aufeinanderfolge von Übungen die Kräfte des Kindesim Gleichgewichte zu entwickeln und durch die Anwendung passender, zur Selbst-thätigkeit anregender Methoden den Lehrstoff, dessen Auswahl von der künftigenBestimmung des Kindes abhängt, zu seinem Eigenrhume zu machen. Die Bil-dung zum Menschen aber, die zur Reife und sittlichen Vestkommenheit im Den-ken und Hanteln fuhrt, kann nie das Werk einer absichtlichen Erstehung sein.Der Zeitpunkt, in dem der Mensch gewöhnlich zum freien Gebrauche aller seinerKräne und zum vollen Besitze der Würde seines Geschlechts gelai gt, liegt außerdem Bereich pädagogischer Einwirkungen. Das vielgestaltige Leben, die Noth,der Drang der Pflicht und Ehre, die Reibung mit Andern, sowie die Kraft dersittlichen Gefühle und Grundsätze des ssndividliums selbst vollenden s: über oderspater, was die Erzichungstunst nur zu wecken und m Gang zu setzen veunag.