Band 
Siebenter Band. M bis N.
Seite
648
JPEG-Download
 

Mysticismus

ttt8

stalten oder sinnlich angeschaute Personen nimmt. In der alten Zeit, welche dereigentlichen Geistesbildung noch ermangelte, war dieser traumähnliche Zustand re-ligiös begeisterter Mensche» viel häufiger als in unsern Tagen, wo die Geistes-oder wissenschaftliche Bildung die Herrschaft des (Pfühls und der Phantasie zu-rückgedrängl hat (s.Somnambulismus); auch waren zu jenerZeit die Träumebedeutender, oft von prophetischem Edarakrer, und ihr Inhalt wurde (mit Recht)als göttliche Offenbarung, aber zugleich auch in jeder Hinsicht für Wirklichkeit ge-nommen; persoul'che Gottheiten, Dämonen, Engel, Heilige erschienen im Traumeden Priestern und (Gläubigen, ja der alleinige Gort selbst (der Herr den Prophe-ten in leiblicher Gestalt, ihnen verkündigend, was sie thun sollten ic.). Hier alsoder Ursprung des Mysticismus, von welchem bisher d>eR"de war, dies die O.uelledes Glaubens an eine körperlose und dock sinnlich anschaubare Geisterwelt, welchersich bis auf unsere Zeit erhalt,n hat. (Vgl. Geist.) In umfassender»! Sinnehecht Mysticismus diczenige Behandlung der höher» Wahrheiten der Religion undWissenschaft als Geheimmsse (Mvsierien), bei welcher der Vertrag dieser Wahr-heiten im Dunkel oder Helldunkel bleibt, nicht im Lichte derWissenschaft erscheint,welche j de Wahrheit in einem organischen (svstemakischen) Zusammenhange auf-treten läßt, oder als Princip (Grundidee) o» die Spitze des Zusammenhanges derWahrheiten stellt, wodurch wissenschaftliche Überzeugung (Evident) entsteht. DieWissenschaftsPhilosophie) ist daher eigentlich der Gegensatz desMrsticismiis, dennsse hat die Bestimmung und das Streben, den Mvsticismus aufzuheben, dasRäikftl der Welt und des menschlichen Daseins zu löftn, und überall Licht imDunkel des Leb/nS, wo es noch herrscht, ausgeben zu lassen. Der Grund desnivstischen Dunkels, welches m vielen Schriften neuer und älterer Zeit herrscht undwelch-'« auch von wissnschat:!.ck Gebildeten nicht ganz durchdrungen werden kann,liegt n-e all-in in einem undeutlichen, verworrenen Vortraae, sondern vorzüglichim Mangel wissenschaftlicher Euttvickelung der Ideen im Schriftsteller, wodurchdess» Dorrraa nothwendig dunkel werden muß. Wissenschaftliche Klarheit, Ord-nung der Jde n, systematischer Geist wird sich federtest auch in einem lichtvollenPorrraoe auspräge». Aber nicht jeder Leser bat das Recht, ein Buch, das erNicht versteht, dessen Inhalt ihm rathselkast und wunderlich verkommt, geradezufür invstisch zu erklären. Was ihm dunkel oder mystisch ist, kann Andern, die aufhöherer Stufe der Bildung sieden, sehr deutlich und lichtvoll erscheinen. DieserMrsticiemuS ist nur relativ und subjectiv in Beziehung auf den Leser, dessen Bil-dungsstufe der Bildung des Schriftstellers, aus dessen Vortrügen er sich belehrenIwll, nicht gewachsen ist. Vor allem Urtheile über ein Buch, dessen Inhalt ihmmystisch erscheint, wird daher der bescheidene Leser sich selbst fragen oder prüfen, ober auch in dem Fe'de oder Fache, worüber er liest, wissenschaftlich eingeweiht sei,um die B.schuldig»ng des MvüicismuS mit Recht aussprechen zu können. VieleLeser dagegen, welche von höherer Wisiensckaftlichkeic keinen Zug und keine Ah-nung in sich fliid-n, machen ihre beschrankte Vei standesbildung zum Masstabe derLeistung, u aller Schriftsteller, sprechen über Alles ab, was sie nicht verstehen, unddaher kommt d un ein leer. S Geschrei über den Mysticismus der deutschen Philofo.pdie und ein Verrufen derjenigen Schriftsteller, welche zur Ausbildung der Wis-senschaften und dadurch zur Bildung ihrer empfän.'lichen Zeitgenossen das Meistebest agen. Von emeni wirklichen, nicht bloß relativen Mysticismus der Philoso-phie oder Wtssechchofr kann nur als von einem Widerspruch die Rede sein, da, nachobig.-:' Bemerkung. Mvsticismus und Wissenschaft, als Gegensätze, einanderfeindlich, käinpftnd für das eigne Dasein, gegenüberstehen. Wahrend die Wissen-schaft alles Mystische zu vernichte» und in ihr Licht aufzulösen strebt, sucht dage-gen der Mysticismus die W'ssmschafr zu vci drängen und ihre höchsten Gegen-stände, das Innere der Natur und die Wahrheiten der Religion, als für den