408
Pestalozzi
zu entsagen und ein Landmann zu werden. Bei einem Ökonomen zu Kirchberg beiBern erwarb er sich die nöthige technische Kenntniß und kaufte sich dann von seinemväterlichen Erbtheil ein Stück Land bei Bern, unweit Lenzburg , baute ein Wohn-haus und sing nun auf diesem Mütchen, das er Neuhof nannte, in einem Alter von22 I. zu wirthschaften an. Seine Verheirathung mit Anna Schultheß , einerKaufmannstochter aus Zürich , brachte ihn in Verbindung mit einer Cattunfabrik,an deren Geschäften er thätigen Antheil nahm. In diesem ländlichen Verhältnisselernte er das sittliche Elend des Volks aus eigner Anschauung kennen, und voll Er-barmen und Muth zu helfen, begann er 1776 s. pädagogische Wirksamkeit mit derAufnahme verlassener Bettelkinder in sein Haus. Bald sah er sich von mehr als 50solcher Knaben umgeben, denen er Vater, Lehrer und Dcrsorger ward. Erbestrittdies große Unternehmen ganz aus eignen Mitteln ; sein erhabener Zweck, die hülf-losen Kleinen zu Menschen zu bilden, fand kaum irgendwo Anerkennung, und ob-gleich er im Feldbau, Hauswirthschaft und Fabrikarbeit, die er mit ihnen neben demeigentlichen Unterrichte als Mittel zu diesem Zwecke betrieb, richtigen Überblick undgroße Ansichten hatte, fehlte ihm doch der Takt und die Anstelligkett für die Kleinig-keiten, die, was den äußern Gewinn betrifft, in diesen Fächern von so bedeutenderWichtigkeit sind. Seine Gutmüthigkeit wurde verspottet, sein Vertrauen auf dieRedlichkeit der Menschen gemißbraucht, der Aufwand s. Haushalts kam begreif-licherweise in Mißverhältniß mit s. Erwerbe, nach und nach setzte der edle Mann beider einfachsten Lebensweise den größten Theil s. Vermögens zu und gerieth in Ar-muth. Das Hohngelächter der Weltklugen, die in s. Streben nichts als Schwär-merei und Thorheit sahen, machte ihn jedoch keinen Augenblick irre, und mittenunter diesem Ringen mit Schmach von Außen und Noth im Hause kamen die merk-würdigen Erfahrungen über die Quellen des Elends in den niedern -Ständen, diefruchtbaren Ideen und Vorschläge zur Rettung dieser vernachlässigten Menschen-claffe zur Reife, welche er in s. originellen Volksromane: „Lienhardt und Gertrud"(zuerst 1781 in 4 Bdn,) mit einer Kraft und Innigkeit wie Keiner vor und nachihm dargelegt hat. Die Beschreibung der Schule Glülfi's zu Bannal in diesemBuche enthält viele charakteristische Züge von P.'s damaligem Leben und Wirkenzu Neuhof. Zur Erläuterung dieses wenig verstandenen Volksbuches schrieb er1782 „Christoph und Elfe", außerdem „Abendstunden eines Einsiedlers" in Ise-lin's „Ephemeriden ", worin er die erste Darstellung von s. Methode gibt. ein„Schweizerblatt für das Volk" 1782 und 1783, eine „Abhandlung über Gesetz-gebung und Kindermord" und die gedankenreichen „Nachforschungen über den Gangder Natur in der Entwickelung des Menschengeschlechts" 1797. Dieses letztereWerk kam in einer Zeit zu Stande, wo P.'s Gemüth durch Kränkungen und Un-fälle aller Art in hohem Grade verbittert und fast mit der Menschheit zerfallenwar. Das Ausbleiben aller Unterstützung von Seiten der Regierungen nöthigteihn endlich, ein Unternehmen aufzugeben, das offenbar die Kräfte des Einzelnenüberstieg. Das Bewußtsein, mehr denn 100 elende Kinder zu brauchbarenMenschen gebildet zu haben, begleitete ihn, als er Neuhof verließ und mir Un-terstützung des schweizerischen Directoriums 1798 ein Erziehungshaus für Bettel-kinder zu Stanz anlegte. Beinahe 80 Kindern aus der Hefe des Volks wurdeer hier allein Lehrer, Vater und Diener. Doch noch vor Ablauf des Jahres zer-störten der Krieg und die Ränke einer ihm ungünstigen Partei auch diese Anstalt,und, mit Undank belohnt, ging P. nach Burgdorf , um Schulmeister zu wer-den. Eine Sammelschule war hier bald eingerichtet, Pensionnairs traten hinzuund machten die Annahme gleichgcsinnter Mitarbeiter möglich. Eine Schriftüber die Anwendung s. Methode durch die Mütter, die P. 1801 herausgab:„Wie Gertrud ihre Kinder lehrt", und die 1803 und 1804 zuerst erschienenenßlementapbücher, da? „Bu-ch per Mütter" und dre „Anschauungslehre der Zahlen-