Wahrhaftigkeit Wahrheit 29
und Zustände der Seele dahin zu rechnen, von denen ZerstreuungS- und Phan-tasiesucht den Geist zu Verrücktheit und Wahnwitz, Hochmuth (Egoismus) undLiebe das Gemüth zu Narrheit oder Melancholie herabziehen können. Die Anlageund die veranlassende Ursache bestimmen in Verbindung die verschiedene Art desWahnsinns. Wo die Anlagen bemerkt werden, sind um so sorgfältiger olle Veran-lassungen zu vermeiden. Organische Anlage kann erblich werden. IederWahnsinnist um so schwerer heilbar, je länger er gedauert hat, je mehr Anlage dazu vorhan-den war, je mehr er sich der Narrheit nähert; um so leichter heilbar, je kürzere Zeiter noch gedauert hat, je weniger Anlage dazu da ist, je mehr er sich der Melancholienähert, je mehr die Ursache in materieller Reizung von den Unt-rleibSnerven besteht.Selten bleibt der Wahnsinn beschränkt in einer Art und in einer Sphäre derSee-lenthätigkeit, meistens ergreift er in der Folge mehre und geht aus einer Art in dieandre über. Jeder Wahnsinn kann in Manie, jeder endlich in Lähmung der See-lenvermögen, Stupidität, übergehen. Zm Schlafe bort wahrscheinlich jeder Wahn-sinn auf. Auch kurz vor dem Tode ist dies oft der Fall. k>.
W a h r h a f t i g k e i t, s. Lüge.
Wahrheit, im logischen Sinne, ist die Übereinstimmung unserer Gedan-ken mit sich selbst oder mit den allgemeinen Gesetzen des Denkens. Sie heißt daherauch formelle Wahrheit, weil jene Gesetze sich nur auf die Form der Erkenntniß be-ziehen , den Stoff oder Gegenstand derselben dagegen nicht berücksichtigen. .Nunkann aber eine Erkenntniß, die der logischen Form, d. h. sich selbst, nicht widerspricht,gleichwol den Gegenständen, welche sie betrifft, widersprechen. Die Übereinstim-mung einer Erkenntniß mit den Gesehen der Logik, oder die Richtigkeit, ist dahernur ein negatives Kennzeichen der Wahrheit. Ein Begriff ist in dieser Beziehungwahr, wenn seine Merkmale unter einander übereinstimmen; ein Urtheil, wenn esden Gesetzen desDenkens gemäß gedacht wird; ein Schluß endlich ist wabr, wenner mit dem Gesetze zu schließen übereinstimmt. Wir bestreben nun nicht bloß eineÜbereinstimmung unserer verbindenden Thätigkeit mit sich selbst, sondern in derhöhern, umfaffendern Idee der Wahrheit ist diese zugleich mit der Foderung einervollkommenen Übereinstimmung unseres Wissens mit seinem Gegenstände enthal-ten. Richtet sich nun unsere Thätigkeit auf einzelne in der Erfahrung gegebeneGegenstände, so ist die Wahrheit empirische; die Wahrheit des nur von derVernunft selbst aus und in ihr selbst Erkannten aber ist rationelle Wahrheit, wel-che in Wissenschaft ausgebildet philosophische Wahrheit genannt wird. DieWahrheit in ihrem ganzen Umfange aber ist die absolute Einheit des Denkensund des Seins. Sie kann nur durch Vereinigung des empirischen und rationellenWissens in der Entwickelung des Menschengeistes approximativ erworben werden.In ihr verschwindet auch der Unterschied der objectiven und der subjectiven Wahr-heit; denn wenn jene Einstimmung eine allgemeine und nothwendige für alle den-kende Wesen ist, so bleibt die subjective nur als Dafürhalten des Individuumszurück, das je größern Werth hat, je mehr sich das Denken des Individuums mitder allgemeinen Vernunft in Übereinstimmung setzt. — Wenn eS für die Wahrheit,ihrem Inhalte nach, kein allgemeines Merkzeichen (Kriterium) gibt, an welchem siesogleich zu erkennen wäre, keinen Satz, unter welchen sie sich subsuniircn ließe, weilsie eben auch jeden Satz erst wahr macht, so gibt sie nur von sich selbst unmittelbareKunde, und die menschliche Erkenntniß zeigt zwar verschiedene Denkarten und Ge-gensätze, die sich widerstreiten und sie aufzuheben scheinen, die aber in ihr selbst alsMomente der Entwickelung hervortreten und in die umfassende Wahrheit ausge-nommen werden. — Die Wahrheit in der Kunst ist theils die äußere, d. i. dieÜbereinstimmung des Dargestellten mit einem in der Wirklichkeit gegebenen Ge-genstände, theils die innere, d. i. die Übereinstimmung der Darstellung in sichselbst und mit ihren eignen Voraussetzungen.