80 Wahrsagen
Wahrsagen. Die den Menschen so natürliche, mit dem Triebe nachGlückseligkeit verbundene Neigung, die Zukunft zu erforschen, hat zu allen Zeitenund bei allen Völkern Wahrsager und Wahrsagerkünste hervorgebracht.Die heiligen Bücher der Zuten reden davon und erzählen, daß König Soul dieWahrsager und Zeichendeuter aus dem Reiche vertrieben habe. Und dennoch wareben dieser Konig schwach genug, vor einer entscheidenden Schlacht, die ihm Thronund Lebe» raubte, die Wahrsagerin zu Endor zu befragen. — Die Ägvprer undGriechen hakte» ihre Orakel (s. d.). Bei den Römern war Wahrsager- undZeichendeuterkunst in ein -Lvstem gebracht und machte einen Theil ihrer Religionaus, deren sich die Häupter des StaaiS oder die Anführer der politische» Parteiennach ihren jedesmaligen Absichten schlau bedienten. (S. Augur», und Aru-spep.) Vlan kennt das Werk des Cicero ,,I)c <G Galion«-" (überWahrsagungenund Ahnungen). Unsere deutschen Altvordern bedienten sich, wie TacituS erzählt,um die Zukunft zu erforschen , gewisser Reiser und geheiligter weiser Pferde, die,wie bei den Römern die Vögel, für Vertraute der Götter gehalten wutden, undaus deren Wuchern und Schnauben man den glücklichen oder unglücklichen AuS-gang eines Unternehmens zu errathen suchte. Vorzüglich schrieben die Deutschen einigen Weibern eine besondere ^ehertraft zu, und befolgten die Rathschläge, diesie gaben; bekannt sind die Veled a (s. d.) und die A lruncn. Als bei der Ver-breitung der christlichen Religion die heidnischen Orak.l ihr Ansehen verloren undauf Befehl einiger christlichen Kaiser nach und nach ganz verstummten, traten in derFolge biblische Orakel an ihre Stelle. Sowie die Griechen und Römer, jene ihretiorio^ llonioiioa.-,. diese ihre 801 lc?5 Vir^iliciiuis u. s. w. hatten, so wurden betden Christen, v. 3. Jahrh, an, die 8orl«-s Nancloruni gewöhnlich. Man suchte näm-lich den Willen Gottes in Rücksicht irgend einer Angelegenheit, den glücklichen oderunglücklichen Erfolg einer Unternehmung, aus den heiligen Büchern zu erfahren. Zueiner solchen Erforschung des göttlichen Willens bereitete man sich durch Fasten, Ge-bet und andre RelcgionSübunacn vor, und schlug sodann aufs Ungefähr irgend einBuch des Alten oder Neuen Testaments auf, mit der Überzeugung, daß die erstein die Augen fallendeStelle Auflösung des Zweifels geben würde. Nicht bloß Pri-vatpersonen bedienten sich dieses Mittels, die Zukunft zu erforschen; auch bei öf-fentlichen Angelegenheiten, besonders bei den Wahlen der Bischöfe und Äbte, wur-den von den Geistlichen selbst diese heilige» Orakel in Gegenwart der ganzen Ge-meinde befragt. Der Mißbrauch, der damit getrieben wurde, veranlaßte, daßmehre Kirchenversammlungen diese 8orio.<c Ninct»,»,» in ihren Beschlüsse» ver-warfen , und einige Päpste sie selbst bei Strafe des Kirchenbannes verboten. Auchin den Capitularien Karls des Gr. vom J.739 wird untersagt, die künftigen Schick-sale mittelst der Psalmen und Evangelien vorherzusagen. Ungeachtet aller Ver-bote dauerte jedoch dieser Mißbrauch bis zum 14. Jahrh. fort, und er scheint selbstjetzt noch nicht ganz aufgehört zu haben. Bekannt sind andre Arten, die Zukunftvorherzusagen, als Chiromantie (s. d.) und Astrologie (s. d.); die letzterefand mehre Jahrhunderte hindurch, selbst unter großen Männern, eifrige Anhän-ger. Alle diese geheimen Wissenschaften haben zwar, ebensowie die Wahrsager-künste der Zigeuner, in gebildeten Ländern ihr Ansehen verloren; aber die klugenFrauen, bisweilen, doch seltener, auch kluge Männer, treiben leider noch immeriin Finstern ihr Wesen mitKarkenschlagen, Prophezeien aus der Caffeetasse u.s. w.Wem ist wol das zu gewissen Zeiten des Jahres übliche Bleigießen, Schuh- oderPantoffelwerfen tc. unbekannt, womit es bei Manchen auf etwas mehr als aufbloßen Scherz abgesehen ist. Die Landesherren haben verschiedentlich das Wahr-sagen aller Art, wegen der damit häufig verbundene» Betrügereien, unter Andro-hung harter Strafen verboten; namentlich setzte die sächsische Polizeiordnung von16K1 sehr harte Strafen darauf; allein der Aberglaube läßt sich so leicht nicht aus-