10k Waverley-Novellen
hat dahin gewirkt, das Vorurtheil gegen die Romanschreiber zu vernichten. Er hat,was s. engl. Vorgängern bisher nicht gelungen, den Anfoderungen der Poesie undder getreuen Portrailirung des Lebens in s. Erscheinungen (worein Smollet und Fiel-ding die alleinige Aufgabe des Romanschreibers setzten) zugleich zu genügen gewußt;und indem er die Geschichte auf eine bisher unbenutzte Art in den Hintergrund s.Dichtungen stellte, historische Romane geliefert, welche, völlig von der mitRecht verworfenen, sonst u. d. N. verstandenen Zwittergaktung verschieden, alsMuster einer neuen Gattung gelten können. Die engl. Romane eines Fielding undSmollet (lange als Muster betrachtet) erfüllten treulich ihres Autors Zweck, das Le-ben, Glück und Mißgeschick schlichter Erdensöhne auf ihrer Reise durch die Welt,ihren Kampf mit derselben, und vor Allem jener sogen. Helden derbe Menschlichkeitzu schildern. ÜberallT^ahrheitundLeben, aber fast allzu viel von beiden. W. Scotthat mehr gesäubert; ohne sich von der Portraitirung der Natur zu entfernen, hater es doch verstanden, Wesentliches vorn Unwesentlichen zu sondern. Dazu wies ers. Personen eine höhere Sphäre an, in welcher es ihnen möglich wird, ihre menschli-chen Kräfte weiter zu entfalten als in den Küchen- und Alltagsfcenen, worauf dieHelden der ältern engl. Novellisten beschränkt waren. Es ist die Geschichte. Wirkennen eine doppelte Austastung derselben, um sie in die Formen unserer menschliche»Poeste zu bringen; einmal in ihren großen Momenten, wo die Heroen auftreten inihrer angeborenen Gestalt, wo der Dichter nur der Bildhauer ist, der die Theilevorn rohen Blocke weghaut, welche die schon geborene Heldengestalt verhüllen. DieseAustastung verbleibt heutzutage, wo die Zeit des Epos verstrichen, dem frei und .schärfer blickenden Auge des Dramatikers auch da noch gefährlich, weil die MühledesZerbino, wo die Helden der Vorzeit zerschroten und zermahlen als zierliche Pupp-chen eingeknetet herauskommen, immer noch nahe steht. Aus dem Epos hat unsereZeit den Roman empfangen. Wie wir von dem Leben der Altvordern nur die wich-tigsten Momente wisten, und jenes überhaupt einfach und nur in wenigen Zügenvon Bedeutung war, so stellt uns auch das Epos in gedrängter Kürze nur das Wich-tigste und Gediegenste vor. Während wir nur die Thaten erfahren, bleibt das Still-leben der Helden unberührt. Bei unserm Cnlturzustande erscheint hingegen das Au-ßerordentliche im Zinzelleben nur selten, die Bildung macht aber auch das Unge-wöhnliche zu etwas Bedeutenderm in höherer Rücksicht. So enthält auch der Ro-man nicht die außerordentlichen, in epischer Kraft zusammengedrängten Thaten undBegebenheiten desEinzelnen, sondern den ruhigen Lebenslauf, dargestellt in der Ent-wickelung. MomenranerReiz und fortwährende Spannung können nicht dasHaupk-verdienst eines Kunstwerks sein, das auf den dauernden Elementen naturgetreuerEntfaltung der Charaktere und Darstellung der sichtbaren Natur in der Mannig-faltigkeit ihrer Erscheinungen basirt ist. In diesem gedeihlichen Stillleben des Ro,man« kann aber ein Dichter, ohnesichan die repräsentirenden Heroen zu wagen, dieganze Geschichte eines Volks lebendiger und interestanker aufleben lasten als der Dra-matiker und Epiker. So zaubert W. Scott in s. bessern Romanen, indem er die Ei-genthümlichkeiten, Sitten, Ansichten und Meinungen einer Epoche (.Vaterlandesaufführt und s. singirten Personen in deren Geiste auftreten, die wirklich geschicht-lichen aber nur gleich Heroen, zu groß, um noch von menschlicher Künstelei bearbeitetzu werden, im Hintergründe vorüberschreiten läßt, das Wesen der alten Zeit in s.neue Dichtung. Man wirft ihm wohl zuweilen Ideen- und Gedankenarmuth vor;wer aber den Geist geschichtlicher Perioden gleich ihm aufzufassen versteht, gegen denist jener Vorwarf ebenso wenig begründet als der der mangelnden Gedanken, da esimmer dar Zeichen des höher» Kunstwerks sein wird, wo das innere Leben ausge-prägt im äußern, der Gedanke plastisch und nicht in Reflexionen erscheint. Früchte desVerstandes und Blüthen desGefühlS können auch reichlich bei ihm gesammelt wer-den; sie liegen aber nicht oben auf, sondern im grünen Laube verborgen. Er reflectirt