Waverley-Novellen 107
als Historiker durch Aufstellung der That; mitunter bricht das Gefühl hervor, unddie Betrachtungen sind dann dieBelege einer auf reifen Verstand begründeten Welt-ansicht. Bei verkehrten Richtungen waltet mehr die Wehmuth als die Bitterkeitdes Hohns, indem ihn das überall erblickte Princip des Guten an Nichts verzwei-feln läßt. Gleich tiefe Blicke, wie in die geschichtlichen Begebenheiten, wirft er indas innere Leben unbedeutender Charaktere; dabei gefällt die Behaglichkeit des Hu-mors. So befriedigt der historische Dichter auch den Liebhaber gemüthlicher Dar-stellungen aus dem innern Leben. Selten geht er auf Effect und Spannung aus,kein Pomp der Worte stört, ebenso wenig wird die wahre Theilnahme an der schlich-ten Darstellung durch künstliches Abbrechen gestört. Als echter Nationaldichterverdiente er einen von wenigen Poeten erworbenen Lorber. Wie es Shakspeare ver-gönnt war, am Wendepunkte des poesiereichen Mittelalters und der von Gedankengeschwängerten Cultur der neuanbrechenden Zeit stehend, zurückzublicken aufdie nochin stattlichen Ruinen glänzenden Erscheinungen der Vorwelt und mit freudiger Ah-nung hinauszuschauen auf ein neues Reich des Lichts und des Geistes, so hörteauch der W.-Autornoch die Sagen von der spät hinausdauernden patriarchalischenHeldenzeit der schottischen Stämme. Homerische Heldenkämpfe fanden noch stattunter denselben Insulanern, welche die Zeitschrift den „üpeeUttvi" lasen. So konn-te der poetische Geist Nahrung m den Contrasten finden, reich genug, ihn an dievaterländische Poesie zu fesseln. — Die Romane sind als Kunstwerke größtenkheilsgut abgerundet. Den Vorwurf der Weitschweifigkeit kann man nicht überall ab-lehnen. Wir befinden uns auf einem ruhigen breiten Strome; doch können wirzu beiden Seiten weit ins Land hincinstcuern und hier die flachen, reizenden Wie-fenufer, dort schroffe Felsen, Schluchten, Höhlen und den Fluß beherrschendeSchloßtrümmer erblicken. Selten oder nie stemmen sich Felsriffe und untenliegen-de Klippen gegen den Strom und zwingen ihn zum Sturze. Die Weitschweifig-keit ist von einem andern Fehler begleitet: die Entwickelung stürzt ain AuSgangelawinenartig herbei, und in Übereilung werden die letzten so sorgsam ausgerolltenFäden wieder abgehaspelt; daher auch das englische Register von den Schlußschick-salen der Nebenpersonen nach dem AuSgange der Hauprhandlung. Neben demschnellen wird auch mit Recht zuweilen der grelle Ausgang getadelt, die Nemesiswaltet mit zu criminalistischcr Genauigkeit und engl. Ausführlichkeit. Die >le-L0li,iii,6 poeny der Engländer, welcher auch W. Scott oft über das Maß hul-digt, verführt ihn hierzu einer Ausmalung, wodurch das Schreckliche oft ins Wi-derwärtige übergeht. Die oft vernommene Rüge, daß er zu Helden unbedeutendejunge Menschen, deren Charakter nur eine fortgesetzte Negative bilde, erwähle,beruht wol nur auf dem Mißverständniß der Bedeutung eines Romanenhelden;begründeter ist die, daß wir häufig verwandten Gestalten begegnen, sowie, daß derVerf. für die Erhaltung seines Ruhms neuerdings zu productiv erscheint. — DieReihe der berühmten Waverleh-Romane begann mit dem ,, XV., »> ti;
«ixl^ g ear; Erst spät erhielt er die verdiente Aufmerksamkeit und zugleich
den gerechten Beifall. Er zeichnet die Periode der schottischen und englischen Ge-schichte, wo die StuartS unter dem ritterlichen Prätendenten Karl Eduard den letz-ten durch die Schlacht beiCulloden vereitelten Versuch machte», den Tkron ihrerVäter wiederzuerringen. Mehr Sittengemälde als ("ei! ,,wt!eü) Roman; alsErsteres meisterhaft. An Charakterzeichnung, großartiger Rührung, Präcision desStyls und einfacher Darstellung die ausgezeichnetste unter den Waverley-Novellen.Charaktere, wie Fergus Mac Ivor, der alte Bradwardine, Flora, der Camero-nianer, der Prätendent U.A., würden allein den Ruf des Dichters begründen. Derganze Roman mag als Einleitung zu den übrigen hochschottischen dienen, s. Ein-leitung verknüpft ihn geschickt mit den ältern englischen, erscheint aber demdeutschen, nach Spannung begierigen Leser zu gedehnt. Diesem wurde er erst spät