110 Waverley-Novellen
Die „Inleg »s tlie crusaclers" („Erzählungen von d. Kreuzfahrern") zerfallen in2 völlig abgesonderte Romane: „Die Verlobten" (deutsch von Sophie May) und„Richard Löwenherz in Palästina" (teutsch von Michaelis). Jener spielt an denGrenzen von Wales zurZeit König Heinrichs II. von England, leidet aber bei man-chen anziehenden Partien an zu großer Weitschweifigkeit und zu geringer Wärme.Unterhaltenderund spannender ist der zweite, im gelobten Lande zu Richards Löwen-herz Zeiten spielend. Jedoch bleibt es unbegreiflich, wie ein Historiker hat so will-kürlich mit der Geschichte umspringen können, sowie daß die verleumderische Ent-stellung derselben zu Ungunsien der Deutschen noch von keinem Deutschengerügtwurde. Zn der humoristischen Vorrede kündigt einer der Mitarbeiter und Actien-inhaber der Societät zur Verfertigung von Waverley-Novellen statt aller Romanedas Leben Napoleon Bonaparte's an. Bald darauf hörte man, daß S. WalkerScott eine Reise nach Paris gemacht und sich daselbst längere Zeit aufgehaltenhabe, um an diesem Werke zu arbeiten. Warum erschien das Werk, das seinen Na-men nicht unsterblich machen würde, wenn er weiter Nichts geschrieben? — Un-verkennbar gehören W. Scott's Romane zu den bessern, welche auf den Hinter-grund schottischer Sitten und Geschichte aus der Zeit des Wendepunkts zur neuenCultur gebaut sind. Die Sage, als sollten die Romane nur Vorstudien einer gro-ßen Geschichte Schottlands werten, scheint nicht unbegründet, obschon eü zweifel-haft bleibt, ob der durch die leichtern und einträglichen Vorstudien der schwerernArbeit entwöhnte Autor sich im spätern Alter zu dieser entschließen werde. Übri-gens bilden die echt-schottischen Romane schon an sich eine historische Reihenfolge,in der man die Bedeutung eines größern Kunstwerks nicht verkennen darf. DasKloster beginnt mit der Reformation in Schottland (die frühere Zeit, als dem«iy-thischen Heroenalter verwandt, gehört mehr der epischen Poesie als dem sittenschil-dernden Romane an); im „Kloster " und „Abt" siegt der neue Glaube, noch bleibenaber die alte» Sitten; dann folgt das Ringen der Freiheit mit dem Despotismusder SluartS; die vorzüglichsten Romane endlich schildern den fruchtlosen Kampfder StuartS und ihrer Partei zur Wiedergewinnung des Thrones. Hier tretenschon alte und neue -Lütten in grellem Contraste auf. Alte Verfassung, alte Ver-hältnisse gehen unter. Den roher» Bewohnern der Berge dünkt das allgemeinherrschende Gesetz drückender als die ehemalige Willkür unter der patriarchalischenHerrschaft ihrer angeborenen Clanhäuptlinge. Zm „Astrologen " ist schon Alles demGesetz unterworfen, und nur in den niedern Classen, Zigeunern, Schleichhändlern,zeigt sich noch starre Vorliebe für die gesetzlose Freiheit. Im „Alterthümler" endlichsucht Oldbook mit Kopfbrechen und lächerlichem Eifer nach den Überbleibseln jenerZeiten, in deren Reichthum an Charakteristik die frühern Romane schwelgen.Woodstock ist einer der letzter», minder erheblichen Romane. — Die deutsche Über-setzungswuth hat sich neuerdings an diesen Romanen erprobt. Außer den Übersetzun-gen für den ersten Griff und di'e Leihbibliotheken, oft dreifach erscheinend, anfangsvon Lindau , der frei, aber mit der meisten Gewandtheit übertrug, dann von Spi-ker, der hier noch nicht den wohlgefälligen Styl s. spätern Übertragungen W. Zr-ving's errungen hatte, Meih. Müller, Lotz, v. Halem, Michaelis, Sophie Mayund AdolfWagner, sind nun schon 5 gesammke sogen. Groschenübersetzungen erschie-nen, 2 der Gebr. Schumann in Zwickau (die 4 - und die 8 Groschen -), die Ger-hard'sche in Danzig (die 6 Groschen-), die Hennings'sche in Gotha vorn Shak-speare-Übersetzer Meyer (die 4 Groschen-) und die stuttgarrer Franckh'sche (die2 Groschenausgabe). Die bei Gleditsch neu übers., mit histor. Anm. verseheneAuSg. in 50 Theilen kostet 36 Thlr. Zu ihr ist als Forts, noch die „Chronik vonCanongate" hinzugekommen (übers. v. Leidenfrosi). Bei dem Aufsehen, welchesdie W.-Novellen machten, war es nicht zu verwundern, daß Nachahmungen erschie-nen, ja daß jedes Land seinen französischen, deutschen, selbst schlesischen Walter