206 Werner (Abraham Gottlob)
untergeordnet. Eine ebenso grosie Bewunderung, als durch seine sinn: und an-schauungsvolle Behandlung der Orpktognosie, erwarb sich W. auch durch s. Geo-gnosie, diese immer noch jugendliche, mit einem eigenthümlichen Zauber begabteWissenschaft. Vor ihm kannte man nur die sogen. (Geologie oder Geogenie,die Theorie oder Bildungsgeschichte der Erde, bestehend in einer Reihe von Hypo-thesen; er gründete s. Geognosie auf Beobachtungen an der Erdrinde und machtesie durch und durch zur ErfahrungSwissenschaft. Die Basis derselben ist die Kennt-niß der räumlichen Verhältnisse zwischen den verschiedenen, die Erdoberfläche zu-sammensetzenden Massen; die Kenntniß ihrer Natur hat die zweite stelle. DieKlarheit und Einfachheit in der Werner'schen Darstellung der Gebirgsverhältnisse,die Bündigkeit in s. Folgerungen, erweckte bei s. Zuhörern und Anhängern ein sounbedingtes Vertrauen, daß sie noch jetzt nicht leicht überzeugt werden können, daßnicht Alles so ist, wie es der große Meister darstellte. Und doch hat das riesenhafteFortschreiten in den Naturwissenschaften unumstößlich dargethan, daß es noch an-dre Verhältnisse geben könne und wirklich gebe, die in der Werner'schen Lagerungs-lehre keinen Platz finden. Alle Quelle neuer Bildung und Bewegsamkeit liegtnach W.'s Ansicht oben, in dem noch Flüssigen, im Gewässer; daher der allge-meine Neptunismus des Werner'schen Svstems, der Ocean der eigentlicheQuell aller Bildungsgeschichte der Erde. Alles was einmal gebildet war, hatte,bis auf geringfügige Bewegungen, geruht. Unsere Beobachtungen zeigen aberdeutlich, daß außer den von W. anerkannten, von oben abwärts wirkenden Kräf-ten, auch solche bei der Bildung der Gebirge vorhanden waren, die aus dem In-nern der Erde auswärts wirkten. Auch die noch fortwährend wirkenden dieserKräfte, die Vulkane, wurden daher von W. verkannt und erschienen ihm von ge-ringer Bedeutsamkeit. Hätte er, der scharfblickende Beobachter, nur ein Maleinen brennenden Vulkan oder die erloschenen am Niederrhein oder in Südfrank-reich gesehen, nie würde er diesen Erscheinungen ihre Lagerstätte in brennendenSteinkohlenlagern angewiesen, nie die Entstehung des Basalts und ähnlicherMassen aus wässerigem Nieterschlag hergeleitet haben. Wenn aber auch eineMenge einzelner geognostischer Lehren W.'S jetzt, nachdem wir ungeheure Schrittevorwärts gethan, als irrig erkannt und und im Tiefsten erschüttert dastehen, so bleibtder Ruhm des Begründers doch fort und fort, und wahrlich s. Schüler ehren ihnmehr durch ein zeitgemäßes Fortschreiten als durch ein Anhängen an vielen seinernicht mehr zeitgemäßen Ansichten! Aber nicht allein als Lehrer der Mineralogieund Geognosie, sondern auch als Lehrer der Bergbaukunst, der Eisenhüttenkundeund andrer Zweige der Bergwerkskunde, als Mitglied des OberbergamtS zu Frei-berg und vor Allem als Freund der Akatemisien, wirkte W. sehr thätig und ruhm-voll. Außerdem beschäftigten ihn Geschichte, Geographie, Linguistik, Archäologieund Numismatik sehr ernstlich, minder einige andre Zweige des menschl. Wesens.Als Schriftsteller hat W. nicht so viel geleistet, als zu erwarten und zu wünschengewesen wäre. Besonders war in den letzten 2 Jahrzehnten, also gerade in der-jenigen Periode s. Lebens, wo die gelehrte Welt das Gediegenste von ihm erwartendurfte, als Schriftsteller ganz verstummt. Außer jener schon erwähnten Schrift:„Über die äußern Kennzeichen der Fossilien", und einer Reihe von Aufsätzen in ver-schied. Zeitschriften, von denen mehre von großer Wichtigkeit sind, besitzen wir vonihm: „Kurze Elassificationen und Beschreib, der Gebirgsarten" (Dresden 1187);„Neue Theorie über die Entstehung der Gänge" (Freiberg 1191); einen Band ei-ner Übersetz. von v. Cronstedt's „Versuch einer Mineralogie" (Lpz. 1180); „Ver-zeichniß des MineraliencabinetS des Berghauptmanns Pabst v. Ohain" (2 Bde.,Freib. 1191 u. 1192). W. war sehr bescheiden und anspruchslos und auch alsMensch sehr liebenswürdig. An seinem Vaterlande hing er mit inniger Liebe, hattemehre vortheilhafte Rufe ins Ausland abgelehnt, und begnügte sich mit seinem