204
Zierpflanzen
noch jetzt zu uns kommenden Gewächse in ihrer mannigfachen Derbildung und ein-seitigen Übertreibung. Die Mehrzahl unserer Sammler strebt aber nicht mehr nachjener langen Reihe von Abänderungen einzelner 'Arten in bloßer Farbe und Zeich-nung der Blü'he; sie hält die altmodisch gewordenen, bunt befleckten Blätter derSträucher und Bäume für Krankh it, für Folge von Hemmung im Umlauf derSäfte. So mindert sich immer mehr !ie Gesellschaft der sogen. Blumist.n, d. h.Derjenigen, welche sich mit Cultur von Abänderungen einzelner Pflanzenarren, mitAurikeln, Nelken, Tulpen. Hyacinthen u. dgl. beschäftigen, diese zu vermehrenund nach ihrer'Art zu veredeln suchen, so weitste dies können, und dann diese nurdurch Wurzeltheilung gleichförmig fortzupflanzenden, sonst aber wandelnden For-men, zum Andenken an berühmt- und unberühmte Leute, mit derxn Namen bele-gen. Mit er Zeit hat man ems.hen gelernt, daß die Natur auch in ihrer Einfaltangenehm sein kann, und ohne daß wir das ästhetische Gefühl be, dem Anblick derRose verlängeren, freuen wir uns doch, daß man anfängt, auch einfache Blumenschön zu finden, und schon die gemeine Päonie mit einfacher Blüthe theurer bezahltals die gefüllte. Als seltener Zeuge der frühern Verbreitung von gefleckt und ge-streiftblätterigen Pflanten hat sich noch des Bandgras in altern Gärten erhalten,da die Sträucher und Bäume mit jenem krankhaften Laube ihr Zeualler nicht zuüberleben vermochten, oder von der Bleichsucht geheilt, sich kleideten in das üpvigeGrün, das uns an andern Gewächsen erfreut. Unter Kunstsinn faßt also die Na-tur von einer ediern Seite auf. Nicht mehr jene zwangvoll umschnittenen Formender Sträucher und Bäume, nicht mehr jene unstät wechselnde Füllung und unbe-grenzbar ändernde Streifung und Fleckenbildung in der Farbe der Blüthe, nichtmehr die an den Tod erinnernde, weiße und gelbe Umsäumung der Blätter sind dasZiel für die Zierde der Gärten, sondern jene noch weit größere Mannigfaltigkeitin den von der Natur selbst geschaffenen Formen gibt uns ein Vo- bild für Ausstat-tung der Anlagen die uns im Kleinen den Genuß jener erhabenen Natur vergegen-wärtigen, deren Gegenstände uns ihre mannigfach wechselnde Entfaltung in unge-zwungener Forin und in unbegrenzter Fülle, nur in ihren Gruppirungen idealisirt,näher vor Augen führen und für lauernden Genuß vorbereiten sollen. Aber wieunendlich verschieden sind diese Anlagen, je nach dem Bedürfniß, den Verhältnissenund dem Charakter des Einzelnen, der sie bildet! Wilde Baumgruppen, düstereHaine, künstliche Grotten und Fels,nparlieen erfreuen den Einen mit ihren melan-cholisch rankenden, kriechenden Pflanzen, in ihrem von der Natur schon eingebür-gerten Schmucke, während ein Andrer sein Gärtchen nur in den Früchten genießt,ein Dritter es mit duftenden Blüthen geschmückt und in zierliche Beete getheilt, fürdie Ergötzung der äußern Sinne geschickt glaubt. Ja der Vierte zieht seine wenigenPflanzen ani Fenster, und sie sind vielleicht die einzigen Geschöpfe, die ihn gemüth-lich stimmen und seinen Unigang erhallen mit der lebenden Schöpfung. Jedochper denkende und gebildete Mensch begnügt sich nicht mit dem vorübergehenden Ein-drucke, den der einzelne, flüchtig beobachtete Gegenstand auf ihn macht. Das Hö-here ahnend in der kleinsten Erscheinung, strebt er vorzüglich nach deutlicher Er-kenntniß der Natur, um aus ihr die allgewaltige Macht ihres Schöpfers in mög-lichster Reinh-it zu erfassen. Ohne diese höhere Richtung des Geistes und des Ge-müths bleibt die Beschäftigung mit einzelnen Theilen der Natur Spielerei. Somuß denn auch dem wahren G nuß einer Beschäftigung mit den Zierpflanzen dienähere Kenniniß von diesen Wesen, die unser Gemüth ansprechen sollen, voraus-gehen, wir müssen wissen, wssch.r Faden uns leiten kann, bei Unterscheidung sozahlreicher Formen deren The le meist gleichartig nur durch ihre Verhältnisse dieVerschiedenheit der Arten bedingen. Unerläßlich ist also die Kenntniß der Entwicke-lung der Pflanzen. die Kenntniß der Theile, die sie entfalten, die der Formen, un-ter denen diese erscheinen, und der bestimmten Benennungen, mit denen man sie