Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Farbenlehre,

matter, gedämpfter, weniger gelb, mehr blau. Am blauenerscheint der rothe Rand bräunlich und stark abgesetzt, der gelbeSaum macht eine Art von schmutzigem Grün, der blaue Randist sehr begünstigt und erscheint fast in der Größe des Bildesselbst; er endigt in einen lebhaften violetten Saum. Diese dreiBilder, gelb, grün und blau, scheinen sich stufenweise herab-zusenkeu und einem Unaufmerksamen die Lehre der diversenRefrangibilität zu begünstigen. Nun tritt aber die merkwür-dige Erscheinung des Violetten ein, welche wir schon oben (45)angedeutet haben. Berhältnißmäßig zum Violetten ist der gelb-rothe Rand nicht widersprechend: denn Gelbroth und Blaurothbringen bei apparcnten Farben Purpur hervor. Weil nun hierdie Farbe des durchscheinenden Glases auch auf einem hohenGrade von Reinheit steht, so verbindet sie sich mit dem an ihrentspringenden gelbrothen Rand; es entsteht eine Art vonbräunlichem Purpur, und das Violette bleibt mit seiner obernGränze unverrückt, indeß der untere violette Saum sehr weitund lebhaft herabwärts strebt. Daß ferner das gelbrothe Bildan der obern Gränze begünstigt wird, und also auf der Liniebleibt, versteht sich von selbst, so wie daß an der untern, wegendes Widerspruchs, kein Blau und also auch kein daraus ent-springendes Violett entstehen kann, sondern vielmehr etwasSchmutziges daselbst zu sehen ist.

168.

Will man diese Versuche noch mehr vermannichfaltigen, sonehme man farbige Fensterscheiben und klebe Bilder von Pappeauf dieselben. Man stelle sie gegen die Sonne, so daß dieseBilder dunkel auf farbigem Grund erscheinen, und man wirddie umgekehrten Ränder, Säume und ihre Vermischung mitder Farbe des Glases abermals gewahr werden. Ja, man magdie Vorrichtung vermannichfaltigen, so viel man will, so wirddas Falsche jenes ersten Newtonschen Versuchs und aller derübrigen, die sich auf ihn beziehen, dem Freunde des Wahren,Geraden und Folgerechten immer deutlicher werden.

Achter Versuch.

169.

Der Verfasser läßt das prismatische Bild auf ein gedrucktesBlatt fallen, und wirft sodann durch die Linse des zweitenExperiments diese farbig erleuchtete Schrift auf eine weiße Tafel.Hier will er denn auch wie dort die Buchstaben im blauen undvioletten Licht näher an der Linse, die im rothen aber weitervon der Linse deutlich gesehen haben. Der Schluß, den erdaraus zieht, ist uns schon bekannt, und wie es mit dem Ver-suche, welcher nur der zweite, jedoch mit apparenten Farben,wiederholt ist, beschaffen sehn mag, kaun sich jeder im allge-meinen vorstellen, dem jene Ausführung gegenwärtig geblie-ben. Allein es treten noch besondere Umstände hinzu, die esräthlich machen, auch den gegenwärtigen Versuch genau durch-zugehen, und zwar dabei in der Ordnung zu verfahren, welchewir bei jenem zweiten der Sache gemäß gefunden, damit manvöllig einsehe, in wiefern diese beiden Versuche parallel gehen,und in wiefern sie von einander abweichen.

170.

1) Das Vorbild (5457). In dem gegenwärtigenFalle stehen die Lettern der Druckschrift anstatt jener schwarzen

i Fäden, und nicht einmal so Vortheilhaft: denn sie sind von den! apparenten Farben mehr oder weniger überlasirt. Aber deri von Newton hier wie dort vernachlässigte Hauptpunkt ist dieser,

! daß die verschiedenen Farben des Spectrums an Heilung un-^ gleich sind. Denn das prismatische Sonnenbild zerfällt in zwei! Theile, in eine Tag- und Nachtseite; Gelb und Gelbroth stehenauf der ersten, Blau und Blaurcth auf der zweiten. Die unter-liegende Druckschrift ist in der gelben Farbe am deutlichsten,im Gelbrothen weniger; denn dieses ist schon gedrängter unddunkler. Blauroth ist durchsichtig, verdünnt, aber beleuchtetwenig. Blau ist gedrängter, dichter, macht die Buchstabentrüber, oder vielmehr seine Trübe verwandelt die Schwärzeder Buchstaben in ein schönes Blau; deßwegen sie vom Grundeweniger abstechen. Und so erscheint, nach Maaßgabe so verschie-dener Wirkungen, diese farbig beleuchtete Schrift, dieses Vor-bild, an verschiedenen Stellen verschieden deutlich.

171.

Außer diesen Mangeln des hervorgebrachten Bildes ist dieNewtonsche Vorrichtung in mehr als Einem Sinne unbequem.Wir haben daher eine neue ersonnen, die in folgendem besteht.Wir nehmen einen Rahmen, der zu unserm Gestelle (69) paßt,überziehen denselben mit Seidenpapier, worauf wir mit starkerTusche verschiedene Züge, Punkte u. dgl. kalligraphisch an-bringen, und sodann den Grund mit feinem Oel durchsichtigmachen. Diese Tafel kommt völlig an die Stelle des Vor-bildes zum zweiten Versuche. Das prismatische Bild wird vonhinten darauf geworfen, die Linse ist nach dem Zimmer zu ge-richtet, und in gehöriger Entfernung steht die zweite Tafel,worauf die Abbildung geschehen soll. Eine solche Vorrich-tung hat große Bequemlichkeiten, indem sie diesen Versuchdem zweiten gleichstellt; auch sogar darin, daß die Schatten-striche rein schwarz da stehen, und nicht von den prismatischenFarben überlasirt sind.

172.

Hier drängt sich uns abermals auf, daß durchaus das expe-rimentirende Verfahren Newtons deßhalb tadelhaft ist, weil erseinen Apparat mit auffallender Ungleichheit einmal zufälligergreift, wie ihm irgend etwas zur Hand kommt, dann abermit Complication und Ueberknnstelung nicht fertig werden kann.

173.

Ferner ist hier zu bemerken, daß Newton sein Vorbild be-handelt, als wäre es unveränderlich, wie das Vorbild deszweiten Versuchs, da es doch wandelbar ist. Natürlicher Weiseläßt sich das hier auf der Rückseite des durchsichtigen Papierserscheinende Bild, durch ein entgegengesetztes Prisma ange-sehen, auf den Nullpunkt reduciren, und sodann völlig um-kehren. Wie sich durch Linsen das prismatische Bild verändernläßt, erfahren wir künftig, und wir halten uns um so wenigerbei dieser Betrachtung auf, als wir zum Zwecke des gegen-wärtigen Versuchs dieses Bild einstweilen als ein fixes anneh-men dürfen.

174.

2) Die Beleuchtung (57). Die apparenten Farbenbringen ihr Licht mit; sie haben es in und hinter sich. Aberdoch sind die verschiedenen Stellen des Bildes, nach der Naturder Farben, mehr oder weniger beleuchtet, und daher jenesBild der llberfärbten Druckschrift höchst ungleich und mangel-haft. Ueberhaupt gehört dieser Versuch, so wie der zweite, in's