Polemischer Theil.
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Fach der Camera obscura. Man weiß, daß alle Gegenstände,welche sich in der dunkeln Kammer abbilden sollen, höchst er-leuchtet seyn müssen. Bei der Newtonischen, so wie bei unsererVorrichtung aber ist es keine Beleuchtung des Gegenstandes,der Buchstaben oder der Züge, sondern eine Beschattung der-selben, und zwar eine ungleiche; deßhalb auch Buchstaben undZüge als ganze Schatten in Hellern oder dunklern Halbschattenund Halblichtern sich ungleich darstellen müssen. Doch hat auchin diesem Betracht die neuere Vorrichtung große Vorzüge, wo-von man sich leicht überzeugen kann.
175.
3) Die Linse (58—69). Wir bedienen uns eben der-selben , womit wir den zweiten Versuch anstellten, wie über-haupt des ganzen dort beschriebenen Apparats.
176.
4) Das Abbild (70—76). Da nach der NewtonschenWeise schon das Vorbild sehr ungleich und undeutlich ist, wiekann ein deutliches Abbild entstehen? Auch legt Newton, un-sern angegebenen Bestimmungen gemäß, ein Bekenntniß ab,wodurch er, wie öfters geschieht, das Resultat seines Versucheswieder aufhebt. Denn ob er gleich zu Anfang versichert, erhabe sein Experiment im Sonimer bei dem hellsten Sonnen-schein angestellt, so kommt er doch zuletzt mit einer Nachklageund Entschuldigung, damit man sich nicht wundern möge,wenn die Wiederholung des Versuchs nicht sonderlich gelänge.Wir hören ihn selbst:
177.
Das gefärbte Licht des Prismas war aber dochnoch sehr zusammengesetzt, weil die Kreise, die ich inder zweiten Figur des fünften Experiments beschriebenhabe, sich in einander schoben, und auch das Licht vonglänzenden Wolken, zunächst bei der Sonne, sich mitdiesen Farben vermischte; ferner weil das Licht durchdie Ungleichheiten in der Politur des Prismas unregel-mäßig zersplittert wurde. Um aller dieser Nebenum-stände willen war das farbige Licht, wie ich sagte, nochso mannigfaltig zusammengesetzt, daß der Schein vonjenen schwachen und dunkeln Farben, dem Blauen undVioletten, der auf das Papier fiel, nicht so viel Deut- 1lichkeit gewährte, um eine gute Beobachtung zuzulassen. !
178.
Das Unheil solcher Reservationen und Restrictionen gehtdurch das ganze Werk. Erst versichert der Verfasser, er habebei seinen Vorrichtungen die größte Vorsicht gebraucht, die hell-sten Tage abgewartet, die Kammer hermetisch verfinstert, dievortrefflichsten Prismen ausgewählt; und dann will er sichhinter Zufälligkeiten flüchten, daß Wolken vor der Sonne ge-standen, daß durch eine schlechte Politur das Prisma unsicher ^geworden sey, der homogenen, nie zu homogenisirenden Lichter !nicht zu gedenken, welche sich einander verwirren, verunreini-gen, in einander greifen, sich stören, und niemals das sindnoch werden können, was sie seyn sollen. Mehr als einmalmuß uns daher jener berühmte theatralische Hetmann der Ko-saken einfallen, welcher sich ganz zum Newtonianer geschickthätte. Denn ihn würde es vortrefflich kleiden, mit großer Be-haglichkeit auszurufen: „Wenn ich Cirkel sage, so meine ich
eben, was nicht rund ist; sage ich gleichartig, so heißt dasimmer noch zusammengesetzt; und sage ich weiß, so kann esfürwahr nichts anders heißen als schmutzig."
179.
Betrachten wir nunmehr die Erscheinung nach unserer An-stalt, so finden wir die schwarzen Züge deutlicher oder undeut-licher, nicht in Bezug auf die Farben, sondern auf's Hellereoder Dunklere derselben; und zwar sind die Stufen der Deut-lichkeit folgende: Gelb, Grün, Blau, Gelbroth und Blau-roth; da denn die beiden letztem, je mehr sie sich dem Rande,dem Dunkeln nähern, die Züge immer undeutlicher darstellen.
180.
Ferner ist hierbei ein gewisser Bildpunkt offenbar, in wel-chem, so wie auf der Fläche, die ihn parallel mit der Linse durch-schneidet, die sämmtlichen Abbildungen am deutlichsten erschei-nen. Indessen kann man die Linse von dem Vorbilde ab undzu dem Vorbilde zu rücken, so daß der Unterschied beinahe einenFuß beträgt, ohne daß das Abbild merklicher undeutlich werde.
! 181.
i Innerhalb dieses Raums hat Newton operirt; und nichtsist natürlicher, als daß die von den Hellern prismatischen Far-ben erleuchteten Züge auch da schon oder noch sichtbar sind,wenn die von den dunklern Farben erleuchteten oder vielmehrbeschatteten Züge verschwinden. Daß aber, wie Newton be-hauptet, die von den Farben der Tagseite beleuchteten Buch-staben alsdann undeutlich werden, wenn die von der Nachtseiteher beschienenen deutlich zu sehen sind, ist ein- für allemal nichtwahr, so wenig wie beim zweiten Experimente, und alles, wasNewton daher behaupten will, fällt zusammen.
182.
5) Die Folgerung. Gegen diese bleibt uns nach allemdem, was bisher ausgeführt und dargethan worden, weiternichts zu wirken übrig.
183.
Ehe wir aber uns aus der Gegend dieser Versuche entfer-nen, so wollen wir noch einiger andern erwähnen, die wir beidieser Gelegenheit anzustellen veranlaßt worden. Das zweiteExperiment so energisch als möglich darzustellen, brachten wirverschiedenfarbige, von hinten wohl erleuchtete Scheiben an dieStelle des Vorbildes, und fanden, was vorauszusehen war,daß sich die durch ausgeschnittene Pappe oder sonst auf denselbenabzeichnenden dunkeln Bilder auch nur nach der verschiedenenHelle oder Dunkelheit des Grundes mehr oder weniger aus-zeichneten. Dieser Versuch führte uns auf den Gedanken, ge-malte Fensterscheiben an die Stelle des Vorbildes zu fetzen,und alles fand sich einmal wie das anderem«!.
184.
Hiervon war der Uebergang zur Zauberlaterne ganz natür-lich, deren Erscheinungen mit dem zweiten und achten Versuchez Newtons im Wesentlichen zusammentreffen; überall spricht sichdie Wahrheit der Natur und unserer naturgemäßen Darstellung,so wie das Falsche der Newtonschen verkünstelten Vorstcllnngs-art energisch aus.
185.
Nicht weniger ergriffen wir die Gelegenheit, in einer Por-tativen Camera obscura an einem Festtage bei dem hellstenSonnenschein, die buntgeputzten Leute auf dem Spazicrgangeanzusehen. Alle neben einander sich befindenden variirenden