1. Ein Frühlingsspaziergang durch den Sitterwald.
Anfang April.
Heute gilt es, dem Sitterwald einen kleinen Besuch abzu-statten. Beim Feldle verlassen wir die breite Heerstrasse, biegenwestwärts um den Rosenberg herum und bummeln nun, das ge-schäftige Leben und Treiben der Stadt gerne im Rücken lassend,frohgemut das Sittertal entlang. Überall beginnt sich der Früh-ling zu regen; drüben, am andern Ufer der Sitter, gegen Engel-burg zu, auf der Sonnenseite, prangen die Wiesen bereits insaftigem, hellem Grün; auf der Mitternachtseite, wo wir wandeln,sieht es dagegen noch verhältnismäßig dürr und braun aus — hierrückt der Frühling eben etwas später ein, und es wird noch einigeZeit gehen, bis der Unterschied einigermaßen ausgeglichen seinwird. Die vergleichende Betrachtung von Sonnen- und Schatten-seite läßt so recht deutlich erkennen, wie sehr die Vegetation vondem wärmenden und belebenden Licht unseres Tagesgestirnsbeeinflußt wird.
Um des Frühlings Einzug würdig zu schildern, bedarf eseigentlich eines Dichters; da wir aber ein entsprechendes Diplomnicht vorweisen können und somit Gefahr laufen würden, wegenunlautern Wettbewerbes denunziert zu werden, verzichten wirvon vornherein großmütig auf eine poetische Schilderung. Dessen-ungeachtet begrüßen auch wir freudigen Herzens die wieder-erwachende Natur und heißen die ersten Boten des Frühlingsherzlich willkommen.
Längs unsers Weges am Friedhof vorbei läuft eine kleineWasserrinne, deren feuchtes Ufer mit grüngelben Blütendoldenbestreut ist. Das Pflänzchen, dem sie angehören, ist durchauskeine Seltenheit für St. Gallen; an allen feuchten Stellen blüht esetwas später massenhaft. Auch zu den schönsten seiner Sippezählt es nicht; aber als Frühlingsboten begrüßen wir es doch.Wir fragen es nach seinem Namen, und es antwortet uns: Milz-kraut, lateinisch — denn die Pflanzen haben alle das Gymnasiumabsolviert — Chrysosplenium alternifolium. Wir können gleich