Buch 
Naturgeschichtliche Streifzüge / von Dr. P. Vogler (Professor an der St. Gallischen Kantonsschule) und Ch. Falkner (Lehrer an der Mädchenrealschule der Stadt St. Gallen)
Entstehung
Seite
70
JPEG-Download
 

70

unendliche Ausdauer und Geduld erfordert. Man schaue sicheinmal diese Hänge an, es könnte einem auf der Fahrt fast un-heimlich werden, wenn nicht ein Blick auf die ausgedehntenSicherungsarbeiten jeden sofort wieder beruhigen müßte. DasGalgentobel mag für die Bahn eineböse Partie sein, demReisenden droht nicht mehr Gefahr, als auf mancher andernStrecke.

8. KräzerenBild.

Mitte Juni.

Es ist ein etwas schwüler Sommernachmittag; auch derreichliche Staub gehört nicht zu den Annehmlichkeiten des Tages.Gerne benützen wir daher die durch den städtischen Tram ge-botene Fahrgelegenheit und lassen uns wohlgemut nach Brüggen tragen, wo wir von Stocken aus die heutige Entdeckungsreiseantreten.

Schon bei der Kräzerenbriicke, bis wohin es in völligerÜbereinstimmung mit den innersten Wünschen unseres Herzensbergab gegangen ist, machen wir den ersten Halt; hier gibt esin der Tat des Schönen und Interessanten in Hülle und Fülle zubeobachten. Zunächst wird unser Auge auch heute wieder vonder imposanten Eisenbahnbrücke gefesselt, welche sich in einerHöhe von 64 Metern über die Sitter schwingt und zusammenmit der romantischen Szenerie des tief eingeschnittenen Tobelsmit seinen steilen und hohen Felswänden zu einer Sehenswürdig-keit unserer Umgebung geworden ist. Flußaufwärts gewendet,erblicken wir gerade rechts eine solche mächtige Felswand; imLaufe der Zeiten durch die langsam aber rastlos wirkende Ero-sionsarbeit des fließenden Wassers entstanden, hat sie sich bishertrotz ihres überaus steilen, fast senkrechten Hanges, zu haltenvermocht. Leicht erkennen wir in ihr eine verhältnismäßigmächtige Nagelfluhschicht, welche, in Übereinstimmung mit denübrigen Schichten gegen die Eisenbahnbrücke mit zirka 22 Gradansteigend, deren Widerlager trägt. Diese Nagelfluhbank ist vongroßem geologischem Interesse; es hat sich nämlich heraus-gestellt, daß mit ihr die im Stockentobel so schön entblößte unddurch zahlreiche Versteinerungen von Meertieren trefflich aus-gewiesene Meeres- oder marine Molasse ihren Abschluß findet;die von hier abwärts des Flusses anzutreffenden, also über dererwähnten Nagelfluhbank lagernden Schichten, gehören bereits