344
waren ihr treu ergeben, und die Frauen des Landes verehrtensie wie eine Mutter. Ein Sohn wurde dem Königspaare geboren,und der Gattin zuliebe gab Etzel, obwohl selbst noch heidnisch,gerne zu, dass das Kind christlich getauft und erzogen wurde.
5 Aber trotz alles Glanzes, aller Macht und alles Reichtums warKriemhilde nicht glücklich. Ihr Herz war daheim geblieben;ihre Liebe gehörte nach wie vor dem einen; ihre Gedankenschweiften immerdar an die Stätten, wo sie an des HerrlichenSeite so hohes Glück genossen, und in Wehmut gedachte sie10 seines Todes. Oft sah man ihre Augen gerötet von heimlichenTränen. Noch trüber ward ihr Mut, wenn sie an Hagen dachte,und was er ihr Übles getan, und ihre Seele dürstete nach Rache.Dreizehn Jahre vergingen so, ohne dass sie von der hohenTreue gegen den Jugendgemahl liess; aber stets wuchs auch15 ihre Sehnsucht nach Vergeltung; so nahe wohnen Tugend undFalschheit im Menschenherzen beieinander. Nun sann die Königinnach, wie sie es mit List erreichen könne, dass sie den Ver-hassten zu sich ins Hunnenland bringe. Sie trat vor KönigEtzel und sprach: „Wohl geniesse ich hier die grosse Ehre als20 Euer Gemahl; aber es bedünkt mich, dass mich die Leute alseine heimatlose Verwaiste ansehen, und doch habe ich so liebeund edle Verwandte am Rhein. Wollet ihr mir Liebes erweisen,so ladet sie ein, dass sie herkommen, das Sommersonnenwende-fest mit uns zu feiern.“ Arglos sagte Etzel das zu und befahl25 seinen beiden Spielleuten, Werbel und Swemmel, als Botenzu den Burgunden zu reiten. Aber bevor sie abreisten, nahmKriemhilde sie beiseite, trug ihnen Grüsse an ihre Verwandtenund lieben Freunde auf und befahl ihnen, ja dafür zu sorgen,dass auch Hagen von Tronje nicht daheim bleibe; denn der30 allein sei des Weges nach dem Hunnenlande kundig. So merktendie Boten nicht, warum die Königin gerade ihn bei sich sehenwollte.
20. Einladung der Burgunden. Ohne Argwohn ver-nahmen die Könige am Rhein die Botschaft und hiessen wie35 üblich die Boten verweilen, bis sie mit ihren Getreuen Ratsgepflogen hatten. Günther und seine Brüder waren alsbaldentschlossen, der Einladung zu folgen. Doch auch diesmal wider-setzte sich ihnen Hagen. Er kannte besser als alle anderenKriemhildens unvergängliche Liebe zu Siegfried und ihren daraus40 entspringenden Hass gegen die Schuldigen, und er war gewiss,