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viele bereit, ihn zu strafen. Die Königin aber sprach zu ihnen:„Wartet, ich werde mit Euch gehen, und ihr sollt aus seinemeigenen Munde hören, was er mir alles Übles getan hat.“ AlsHagen die Königin mit der bewaffneten Schar auf sich kommen5 sah, merkte er, dass sie es auf ihn abgesehen hatten, und ersagte das Volker. Da schwur ihm der, den Freund in keinerNot zu verlassen und treu zu ihm zu stehen bis in den Tod.Und er legte sein Schwert bereit, wie auch Hagen den Balmungüber seine Knie gelegt hatte, so dass er Kriemhilde recht in10 die Augen fiel. Trotzig blieben beide sitzen, als die Königinherantrat; trotzig und laut bekannte sich Hagen auf ihre Fragenzu aller Schuld, und so grimmig schauten beide drein, dassden Hunnen der Mut entsank und keiner den Streit wagte.Unterdessen hatte Etzel die Burgunden im Saale herzlich will-15 kommen geheissen und sich mit ihnen zu Tische gesetzt. Dahingingen jetzt auch Volker und Hagen.
23. Kriemhildens Anschläge. Zur Nacht wies manden Nibelungen — diesen Namen führten die Burgunden, seit-dem sie in Besitz des Nibelungenhortes gekommen waren —20 einen weiten Saal zur Ruhe an, der mit vielen Betten wohlausgestattet war. Aber sie besorgten Feindliches während derNacht und zweifelten, ob sie der Ruhe pflegen dürften, bis Hagensich erbot, an der Türe Wache zu halten. Alsobald geselltesich Volker zu ihm; er nahm seine Fiedel zur Hand und spielte25 den Müden manch süsses Schlummerlied, bis sie alle ent-schliefen. Und die Schildwacht war nicht vergebens. Dennum Mitternacht ertönte Waffengeklirr, und es näherten sichetliche von Kriemhildens Mannen, die sie gedungen hatte,Hagen im Schlafe zu ermorden. Als diese aber die gefürchteten30 Recken auf der Stiege gewahrten, zogen sie schweigend vor-über. Mit dem Morgengrauen weckte Hagen die Schläfer undmahnte sie, zur Messe zu gehen und sich mit Gott zu ver-söhnen, da dies vielleicht ihr letzter Tag wäre. Nach demGottesdienste ward unter Etzels Königssaal ein grosses Turnier35 abgehalten. Weil aber die Burgunden so ungefüge Stösse aus-teilten, so befürchteten Dietrich von Bern und Markgraf Rüdegereinen ernstlichen Streit und verboten den Ihrigen, am Kampf-spiel teilzunehmen. Dennoch schien die Fehde schon jetzt be-ginnen zu wollen; denn Volker durchrannte einen vornehmen40 Hunnen mit dem Speere, dass er tot vorn Rosse sank. Da