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Lesebuch für die erste Stufe der Sekundarschule / hrsg. von der kantonalen st. gallischen Sekundarlehrer-Konferenz
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schrien die Hunnen nach Rache; aber Etzel selbst kam herabund schlichtete den Streit; er habe wohl gesehen, dass HerrnVolker der Stoss aus Versehen fehlgegangen sei. Und erforderte die Gäste auf, nach der Ritterarbeit sich beim Mahlegütlich zu tun. Kriemhilde aber nahm Herrn Dietrich undseinen alten Waffenmeister Hildebrand beiseite und flehtesie an, ihr Leid an Hagen zu rächen. Aber der edle Bernerbeschämte sie zum andernmal und verwies ihr mit ernstenWorten, das heilige Gastrecht zu verletzen. So wandte sie sichdenn an Herrn Blödel, Etzels Bruder, und betörte ihn durchgrosse Verheissungen, den Streit zu erheben. Dann ging auchsie zur Tafel und liess ihr Söhnlein Ortlieb holen, es ihrenVerwandten zu zeigen. Des freute sich Etzel und gab die Ab-sicht kund, das Kind den Gästen mitzugeben zum Rhein, dasssie es nach Ritterart erzögen und dereinst einen treuen Helferan ihm hätten. Hagen aber wollte Kriemhilde kränken undsprach:Der junge König ist so schwächlich anzusehen, dasser schwerlich ein mächtiger Herrscher werden mag; ich möchtenicht an seinen Hof gehen. Die Rede verdross auch Etzelsehr; aber obwohl unmutig, schwieg er doch als höflicher Wirt.

24. Der Kampf der Hunnen mit den Burgunden.Unterdessen hatte sich Blödel mit tausend gewappneten Reckenzur Herberge der Nibelungenknechte aufgemacht und dort nacheinem heftigen Wortwechsel mit Dank wart, der ihm freundlichentgegengetreten war, ein furchtbares Blutbad unter den Nibe-lungen angerichtet. Zwar fiel er selbst mit Hunderten seinerMannen, aber die Übermacht der Hunnen war doch zu gross,und nur Dankwart hieb sich Bahn und stürzte blutbespritzt inEtzels Festsaal. Laut rief er in den Saal:Hagen, mein Bruder,höre meine Not! Tot liegen alle unsere Knechte von der HunnenHand. Auf zum Kampf, jetzt geht es uns ans Leben! Wieschnellte da Hagen vorn Sitze auf!Hüte die Türe, rief erdem Bruder zu,dass uns keiner entrinne. Und er zog seinSchwert und führte einen Schlag. Der traf Kriemhildens Söhn-lein also, dass das Haupt in der Mutter Schoss sprang.

Da blieb kein Schwert mehr in der Scheide. Von denSitzen sprangen sie, Burgunden und Hunnen, und es ging anein Streiten, dass der Saal unter ihren Hieben erdröhnte. Wietobte der Kampf allenthalben, so dass auch Etzel und Kriemhildein Gefahr kamen. In ihrer Not wandte sich die Königin wieder

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