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Perikles.
hielt er seinem Steuermanne den Mantel vor die Augen und fragteihn, warum er mehr erschrecke, wenn ein fernerer und größererGegenstand ihm das Sonnenlicht verberge. Innerlich der lebendigsteMensch, war er äußerlich ruhig, kalt und immer sich gleich, ohnedurch Strenge und rauhes Wesen zu verletzen. Seine volle Ueber-legenheit offenbarte sich in der Rede. Denn er hatte sich in ZenonsSchule gewöhnt, die Dinge von verschiedenen Standpunkten anzusehenund seine Gegner durch unerwartete Einwendungen zu überraschen.Dialektischen Uebungen verdankte er die Gewandtheit seines Verstandesund die Macht des Wortes, welcher niemand gleiche Waffen entgegen-zusetzen hatte. Seine Beredsamkeit war die reife Frucht philosophischerDurchbildung, der unmittelbare Ausdruck eines der Menge überlegenenGeistes; darum wußte er wie kein anderer zu erschrecken, zu er-mutigen, zu überreden; schlagende Gleichnisse, deren zwingender Kraftsich niemand entziehen konnte, standen ihm zu Gebote, und die ruhigeZuversicht, mit welcher er redete, machte ihn vollends unwiderstehlich.
So mancherlei aber auch dem jungen Perikles zu Gebote stand,was ihn der Bürgerschaft empfahl, der Glanz des Hauses, welcher ihmohne Mühe einen bedeutenden Anhang verschaffte, die Macht derPersönlichkeit, die Kraft des Wortes und eine hinreißende Anmut derStimme, so war ihm doch die öffentliche Tätigkeit durch andere Um-stände sehr erschwert. Es fehlte ihm die Gabe, leicht und unbefangenmit den Leuten des Volks zu verkehren; es fehlte ihm das leutseligeWesen, durch welches Kimon zu fesseln wußte, der als ein fröhlicherLebemann seinen Mitbürgern näher stand. Perikles war zu verschiedenvon der Menge des Volkes; er fühlte, daß die Bürger keine Sonder-linge liebten, und dies Gefühl machte ihn befangen. Dazu kam, daßseine Person zu allerlei Mißtrauen Anlaß gab. Mau hielt seinenErnst für Hochmut, seine Zurückhaltung für versteckten Ehrgeiz; mantraute dem gebornen Aristokraten keine wahre Liebe für die Sache desVolkes zu; man kannte die Neigung zur Tyrannis als einen erblichenHang seiner mütterlichen Familie; darum wurde alles, was mit denAlkmäoniden zusammenhing, argwöhnisch angesehen; nach Kleistheneswar sein Sohn Megakles zweimal in die Verbannung geschickt; Xan-thippos traf dasselbe Los. Perikles mußte aber nach seiner Naturganz besonders gefährlich erscheinen. Dazu kam, daß man in seinenGesichtszügen, sowie in seiner Art zu reden eine auffallende Aehnlich-keit mit Peisistratos entdecken wollte, ein Umstand, welcher von Gegnernund Neidern nach Kräften benutzt wurde, um die Bürger vor ihm zuwarnen.
Weil Perikles fühlte, daß ihm Mißtrauen und Vorurteil ent-gegenstehe, zügelte er seinen Ehrgeiz durch die höchste Besonnenheit,