Perikles.
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hielt sich lange von allen Staatsangelegenheiten fern und zog es vor,sich im Waffendienste als einen Bürger zn zeigen, der mit dem ge-ringsten feiner Mitbürger jede Gefahr und Beschwerde zu teilen bereitfei. Hier ergänzte er seine wissenschaftliche Bildung und gewann dieEigenschaften, durch welche sich die Athener vor allen Griechen aus-zeichneten, Geistesgegenwart und tatkräftige Entschlossenheit. Hier lernteer von Kimon, dessen Feldherrngröße er bewunderte, erkannte aberauch die Schwäche seiner Politik, welche Athen trotz aller Siege ge-bunden hielt und mit einseitigem Parteieifer der Vollendung der Demo-kratie entgegenarbeitete.
Freilich pflegten die philosophisch Gebildeten der Volksherrschaftnicht günstig zu sein, welche allem Hervorragenden feindlich ist, undniemand hat die Schwächen derselben schärfer gegeißelt als Herakleitos.PerikleS selbst war eine durchaus aristokratische Natur und von demHerrscherrechte höherer Bildung ganz durchdrungen. Indessen war ernichts weniger als einseitiger Theoretiker. Er erkannte die Demo-kratie als die einzige Verfassung, welche in Athen auf Dauer rechnenkönne; sie war die mit der Geschichte des Staates verwachsene, diedem Zustande der attischen Gesellschaft entsprechende, in Glück undNot bewährte, die notwendige Verfassung Athens. Sie war auch dieStärke Athens; denn diese lag bei der Kleinheit des Staates undden schwierigen Aufgaben, die ihm gestellt waren, in der freien undselbständigen Teilnahme aller am Gemeinwesen, das aus die Opfer-bereitschaft aller rechnen kann, weil es allen gleiche Ehren und gleiche»Einfluß in Aussicht stellt. Auch die sittliche Haltung der Bürgerschaftberuhte auf der Demokratie. Denn sie erweitert das Bewußtsein jedeseinzelnen über die Grenzen seiner persönlichen Interessen; sie fordertein vernünftiges Gemeindeleben, in welchem nach offenkundigen Ge-setzen die Verhältnisse klar und fest geregelt sind; die Teilnahme allerBürger an den Staatsverhandlungen gibt auch eine Bürgschaft da-für, daß keine niedrigen und kleinlichen Beweggründe, wie sie wohlin oligarchischen Kreisen die-Entscheidung geben, die Entschließungender Staatsgemeinde leiten. Eine hinterlistige Politik, welche wie dieder Spartaner in einer ängstlichen Geheimnistuerei ihre Stärke suchteund auf Falschheit ihre Erfolge baute, war in Athen unmöglich. Egoistischfreilich sind alle Herrscher. Ist aber der Demos selbst der Herrscher,so wird die Sorge für das eigene Interesse und für das des Staates,Egoismus und Patriotismus, am besten zusammengehen.
Wenn nun auch Perikles die Demokratie als die zu Recht be-stehende und angemessenste Verfassung anerkannte, so war mit demNamen und den Formen der Verfassung über die Leitung des Staatesnoch nichts entschieden. Der Demos ist souverän. Aber niemand konnte