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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Bächtold
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Perilles.

mehr als Perikles von der Unfähigkeit des Haufens, selbst zu regieren,überzeugt sein. Jede Volksmasse muß regiert werden, ihre Schrittemüssen geleitet werden, ihre Interessen ihr deutlich gemacht werden,wenn.nicht das Heil des Staates dem Zufalle und der Unvernunftpreisgegeben werden soll. Diese Leitung kann niemals in die Händeeinzelner Geschlechter zurückkehren, welche ein erbliches Anrecht aufVorrang und Einfluß geltend machen wollen. Die Zeiten sind vor-über. Die Macht des Adels war durch inneren Zwist längst zuGrunde gegangen; seit die Bauern freie Landbesitzer waren und diebürgerlichen Gewerbe blühten, hatten die alten Familien weder Besitz,noch Wasfenruhm, noch Gemeinsitze vor den übrigen voraus. EinzelneHäuser hatten sich wohl noch alten Glanz bewahrt, aber ein Adelstandals Körperschaft war nicht vorhanden; die Schlachten von Tanagraund Koroneia hatten seine Reihen vollends gelichtet. Ein anderer Adelist es, dem die Leitung gebührt, ein Adel, der durch eigene Kraft er-worben wird; von den wahrhaft Besten muß das Volk geleitet werden,d. h. von Männern, die das edlere Bewußtsein der Menge in sichdarstellen, welche sich durch Philosophie über niedere Rücksichten undVorurteile erhoben haben, welche durch Vorschauenden Verstand undKraft der Rede imstande sind, ihre geistige Ueberlegenheit in derWeise geltend zu machen, daß sie die Vertrauensmänner der Geineindewerden. Der wahre Volksführer oder Demagog soll herrschen, indemdas Volk, das in Masse weniger Klarheit, weniger Besonnenheit,weniger Gewissen und Ehrgefühl hat, als der einzelne, in ihm seinebesten Gedanken, Neigungen und Stimmungen ausgesprochen sieht.So wird die bürgerliche Gleichheit, welche den Gesetzen entspricht, mitder einheitlichen Leitung, welche die Vernunft verlangt, so werden dieverfassungsmäßigen Rechte der Bürger mit den unveräußerlichen Rechtender höheren Intelligenz verbunden.

Es würde schlecht mit einem Schiffe bestellt sein, wenn in gefahr-vollen Zeiten seine Lenkung von einer Abstimmung unter der Mann-schaft abhängig gemacht würde; ein Steuermann mit entscheidendemWillen muß da sein. Am besten aber ist es bestellt, wenn in ihmalle den Meister der Kunst anerkennen und seiner Leitung sich frei-willig unterordnen.

Die Idee einer solchen Verbindung von Volksherrschaft undEinzelherrschaft, wie sie dem Geiste des Perikles vorschwebte, hat inseiner Zeit und in seiner Vaterstadt eine besondere Berechtigung.Denn damals war die theoretisch-praktische Bildung, wie sie die Philo-sophie und Sophistik gewährten, wirklich eine Macht und zwar einesolche, welche nicht leicht von einzelnen an die Menge übergehen konnte.Und dann war die attische Bürgerschaft, die schon an gewöhnlichen