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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
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1. Auswanderung der Schweizer.

Nach Bruder Grimm.

Es war ein altes Königreich im Lande gegen Mitternacht, imLande der Schweden und Friesen; über dasselbe kam Hunger undteure Zeit. In dieser Not sammelte sich die Gemeinde; durch diemeisten Stimmen wurde beschlossen, daß jeden Monat das Volk zu-sammenkommen und losen sollte; wen das Los träfe, der müßte beiLebensstrafe aus dem Lande ziehen, Hohe und Niedere, Männer,Weiber und Kinder. Dies geschah eine Zeit lang; aber es half baldnicht aus, und man wußte den Menschen keine Nahrung mehr zufinden. Da versammelte sich nochmals der Rat und verordnete, essolle nun alle acht Tage der zehnte Mann losen, auswandern undnimmermehr wiederkehren. So geschah der Auszug aus dem Landin Mitternacht, über hohe Berge und tiefe Thäler, mit großemWehklagen aller Verwandten und Freunde; die Mütter führten ihreunmündigen Kinder. In drei Haufen zogen die Schweden, zusammensechstausend Männer, groß wie die Riesen, mit Weib und Kindern,Hab' und Gut. Sie schwuren sich, einander nie zu verlassen underwählten drei Hauptleute über sich durchs Los. Zwölfhundert Friesenschlössen sich ihnen an. Sie wurden reich an fahrendem Gut durchihren sieghaften Arm. Als sie durch Franken zogen und über denRheinstrom wollten, ward es Graf Peter von Franken kund undandern; die machten sich auf, wollten ihren Zug wehren und ihnendie Straße verlegen. Die Feinde dachten, mit ihrem starken Heerdas arme Volk leicht zu bezwingen, wie man Hunde und Wölfejagt, und ihnen Gut und Waffen zu nehmen. Aber die Schweizerschlugen sich glücklich durch, machten große Beute und baten zu Gottum ein Land, wie das Land ihrer Altvordern, wo sie möchten ihrVieh weiden in Frieden; da führte sie Gott in eine Gegend, die

Bächtold, Lesebuch I. 1