3)0 Der Gesang des Meeres. — An meine Mutter. — Die Römerstraße.
130. Der Gesang des Meeres.
Konrad Ferdinand Meyer.
Wolken, meine Kinder, wandern gehenWollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!Eure wandellustigen GestaltenKann ich nicht in Mutterbanden halten.
Ihr langweilet euch auf meinen Wogen;
Dort die Erde hat euch angezogen:
Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer!Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer!
Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften!
Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten!Traget glüh'nden Kampfes Purpurtrachten!
Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen!Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!Braust in Strömen durch die Lande nieder —Kommet, meine Kinder, kommet wieder!
131. An rne»ne Mutter.
Herman
1. Ein Maitag war's, doch trüb
und tot,
Schwer auf den Ländern lag die Not,Auf allen Völkern lag ein Kummer,Da schloffest, treue Mutter, duDie sorgemüden Augen zuZum langen, sorgelosen Schlummer.
2. Um dein so ernstes AngesichtWie Glorie schien das bleiche LichtDer schwarzumflorten Trauerkerzen.Wie schön du warst, wie trüb der Tag!Des Frühlings erste Blume lag
Auf deinem stillgewordnen Herzen.
3. Du kaltes, stilles Herz, das michSo warm geliebt, so mütterlich,
Vor Weh oft fast für mich gebrochen,O, muß ich's glauben, bist du fort?
Lingg.
Kein Blick, kein Gruß! Dein letztesWort
War für die Ewigkeit gesprochen.
4. Sonst sahst du jeden Schmerz
und Wahn
Von ferne meiner Seele nahnMit deinen Augen, deinen frommen;Wie machte stets mein Glück dich reich !Wie wurde stets bei dir ich weich!
Und all das soll nicht wiederkommen?
5. Um dich, es sei mein letzter
Schmerz.
Fortan wird für mein lautlos HerzDie Erde nichts mehr sein als Erde;Schlaf wohl, o Mutter! Mein Trost ist.Daß, wie's auch kommt, nach kurzerFriftWo du jetzt bist, auch ich sein werde.
132. Die Römerstratze.
Hermann Lingg.
1. Manspricht im Dorf noch oft von Sie zeige sich noch dort und hier,
Der Alten drauß' im tiefenWalde, sihr, Am Feldweg und am Saum der Halde.