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Am See.
41. Am See.
Hermann Masius.
Es bricht der Frühling aus allen Hecken und Winkeln unauf-haltsam hervor. Der Himmel schallt vonLerchenchören, aus dem Ackersteigt der alte Erdatem heilend, nährend, verjüngend, und am Wassersprießt und keimt es allerorten. Den umgestürzten Weidenstämmen,die dort schon Jahre lang in den See hängen, fährt es durchs morscheMark, und sie treiben neue Reiser, und aus den saftstrotzenden Rutenzupft die Sonne lange Blütenschüfchen. Auch das Röhricht steckt seineFahnen auf; die Erdgänge und Uferhöhlen — der Winter hatte siealle vermauert — kleiden ihre Schwellen mit Moos und manchegrüne Ranke kriecht herbei. Wenn der Himmel sich einmal verdunkelt,dann sprühen Frühlingsregen. Aber die Lerchen singen unverdrossenweiter; die Sonne blitzt in die Tropfen, die lustige Blasen auf denSee werfen; die Frösche knarren behaglich, denn sie wissen nicht, daßmit den Sommerlüften auch der Storch gekommen ist, der alte Sumpf-könig aus Aegyptenland. Alles liegt in Duft, still und erwartend;ein ahnungsvoller, fast wehmütiger Hauch weht über der Erde. Wieschön stimmt zu diesem träumerischen Frieden dort das stille Dorf undhier vorn, wo das Erlengebüsch schon dichter schimmert, die alte stroh-gedeckte Fischerhütte! Sie ist malerisch mit Netzen staffiert, und ausdem Schornstein spinnt ein dünner Rauchfaden hinauf. Der Kahnliegt im Rohre versteckt; der alte Irin sitzt auf der Schwelle undbessert Reusen, indes er dem Enkel von der Nixe und ihren Tückenerzählt. Aber der hat die Augen auf dem See, und bald hat auchder Alte seine Mär vergessen, denn hoch über dem See schwingt sichin großen Kreisen der Wanderfalke. Jetzt hängt er regungslos mitausgespannten Flügeln in der Höhe, wie angenagelt; aber plötzlichschießt er steilrecht herab. Es gilt einer Ente. Im Nu ist sie ver-schwunden, und der Falke umkreist reißenden Flugs die Fläche.Nur dann und wann steckt der geängstigte Böget den Schnabelaus dem Wasser, um Lust zu schöpfen, aber der Verfolger ruhtnicht. Mit unwiderstehlicher Gewalt, als schmettere ein Stein herab,wirft er sich auf seine Beute und zuletzt, im gieren Griffe sie er-häschend, fliegt er kreischend davon, um drüben auf einem Hügelsein blutiges Mahl zu halten.
Das sind Frühlingsszenen. Aber bald hat das letzte Winter-geflügel den See verlassen; die Möven, die Reiher sind gekommenund mit ihnen der Sommer. Der See liegt im Schmuck seiner Ufer.Da sind die grünen Hügelhänge mit den weidenden Lämmern, da sinddie hellen Birken, die Weiden, die Erlen, manche Eiche, und da istvor allem auch das Rohr, das Rohr, das uns so geheimnisvoll fremd-