Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
Seite
12
JPEG-Download
 

12

Das tapfere Schneiderlein.

liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los!" Die Frau stieg die dreiTreppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider heraus undmußte die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hobsie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich:Das Musscheint mir gut; wieg sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn'sauch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an!" DieFrau, welche gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm,was er verlangte, ging aber ganz ärgerlich und brummig fort.Nun,das Mus soll mir Gott gesegnen", rief das Schneiderlein,und sollmir Kraft und Stärke geben", holte das Brot aus dem Schrank,schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Musdarüber.Das wird nicht bitter schmecken", sprach er,aber erstwill ich den Wams fertig machen, ehe ich anbeiße." Er legte dasBrot neben sich, nähte weiter und machte vor Freuden immer größereStiche. Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an dieWand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so daß sie heran-gelockt wurden und sich scharenweise darauf niederließen.Ei, werhat euch eingeladen?" sprach das Schneiderinn und jagte die un-gebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden,ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer größerer Gesell-schaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, dieLaus über die Leber, es langte aus seiner Hölle nach einem Tuch-lappen und:Wart, ich will es euch geben!" schlug es unbarm-herzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger alssieben vor ihm tot und streckten die Beine.Bist du so ein Kerl?"sprach er und mußte selbst seine Tapferkeit bewundern,das soll dieganze Stadt erfahren." Und in der Hast schnitt sich das Schneider-lein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstabendarauf:Siebene aus einen Streich!"Ei was Stadt!" sprach erweiter,die ganze Welt soll's erfahren!" und sein Herz wackelteihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.

Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wolltein die Welt hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein fürseine Tapferkeit. Ehe er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichtsda wäre, was er mitnehmen könnte; er fand aber nichts als einenalten Käs, den steckte er ein. Vor dem Thore bemerkte er einen Vogel,der sich im Gesträuch gefangen hatte, der mußte zu dem Käse indie Tasche. Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine undweil er leicht und behend war, fühlte er keine Müdigkeit. Der Wegführte ihn auf einen Berg, und als er den höchsten Gipfel erreichthatte, so saß da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemächlichum. Das Schneiderlein ging ganz beherzt aus ihn zu, redete ihn