Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
Seite
52
JPEG-Download
 

52

Herr Charles.

Hauderer thut, der auch erst vor dem Thor fragt, wo er still haltensoll, erkundigte er sich endlich bei den Kindern, so gut er sich ver-ständlich machen konnte, wo denn der Vetter wohne, und erfuhrvon ihnen, so gut er sie verstehen konnte:Wir wissen's nicht."Wie er denn hieße?Wir wissen's auch nicht." Wie dennihr eigener Geschlechtsname sei?Charles." Der geneigteLeser will schon wieder etwas merken, und wenn's der Hausfreundfür sich zu thun hätte, so wäre der Herr Charles der Vetter. DieKinder wären versorgt, und die Erzählung hätte ein Ende. Alleindie Wahrheit ist oft sinniger als die Erdichtung. Nein, der HerrCharles ist der Vetter nicht, sondern dieses Namens ein anderer, undbis auf diese Stunde weiß noch niemand, wie der wahre Vetter eigent-lich heißt, nicht ob und wo in Petersburg er wohnt. Also fuhrder arme Mann in großer Verlegenheit zwei Tage lang in der Stadtherum und hatte Französlein seil. Aber niemand wollte ihn fragen :Wie teuer das Pürlein?" und der Herr Charles begehrte sie nichteinmal geschenkt und war noch nicht Willens, eines zu behalten. Alsaber ein Wort das andere gab und ihm der Pole schlicht und mensch-lich ihr Schicksal und seine Not erzählte:Eins", dachte er,will ichihm abnehmen", und es füllte sich immer wärmer in seinem Busen;ich will ihm zwei abnehmen!" dachte er, und als sich endlich die Kin-der um ihn anschmiegten, meinend, er sei der Herr Vetter und anfingenauf französisch zu weinen, denn der geneigte Leser wird auch schon be-merkt haben, daß die französischen Kinder anders weinen, und als derHerr Charles die Landesart erkannte, da rührte Gott sein Herz an,daß ihm ward wie einem Vater, wenn er die eigenen Kinder weinenund klagen sieht, und:In Gottes Namen!" sagte er,wenn's so ist,so will ich mich nicht entziehen", und nahm die Kinder an.Setzt euchein wenig nieder!" sagte er zu dem Polen,ich will euch ein Süppleinkochen lassen." Der Pole, mit gutem Appetit und leichtem Herzen,die Suppe und legte den Löffel weg, er legte den Löffel weg undblieb sitzen er stand auf und blieb stehen.Seid so gut", sagteer endlich,und fertigt mich setzt ab! der Weg nach Wilna ist weit.Auf fünfhundert Rubel hat die Frau mit mir akkordiert." Da fuhres doch dem milden Menschen, dem Herrn Charles, über das Ge-sicht, wie der Schatten einer fliegenden Frühlingswolke über diesonnenreiche Flur.Guter Freund", sagte er,ihr kommt mir einwenig kurios vor! Jst's nicht genug, daß ich euch die Kinder ab-genommen habe; soll ich euch auch noch den Fuhrlohn bezahlen?"Denn das kann dem redlichsten und besten Gemüt begegnen, wenn'sein Kaufmann ist, jedem andern aber auch, daß es wider Wissenund Willen zuerst ein wenig handeln und markten muß, sei es auch