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Reise über die Furka.
folgten. Es war ein seltsamer Anblick, wenn man einen Momentseine Aufmerksamkeit von dem Wege ab und auf sich selbst und dieGesellschaft wendete, in der ödesten Gegend der Welt und in einerungeheuren, einförmigen, schneebedeckten Gebirgswüste, wo man rück-wärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiß,wo man auf beiden Seiten die weiten Tiefen verschlungener Ge-birge hat, eine Reihe Menschen zu sehen, deren einer in des anderntiefe Fußstapfen tritt, und wo in der ganzen glatt überzogenenWeite nichts in die Augen fällt, als die Furche, die man gezogenhat. Die Tiefen, aus denen man herkommt, liegen grau und end-los in Nebel hinter einem. Die Wolken wechseln über die blasseSonne, brektflockiger Schnee stiebt in der Tiefe und zieht über alleseinen ewig beweglichen Flor. Ich bin überzeugt, daß einer, überden aus diesem Weg seine Einbildungskraft nur einigermaßen Herrwürde, hier ohne anscheinende Gefahr vor Angst und Furcht ver-gehen müßte. Eigentlich ist auch hier keine Gefahr des Sturzes;sondern nur die Lawinen, wenn der Schnee stärker wird, als erjetzt ist, und durch seine Last zu rollen anfängt, sind gefährlich.Doch erzählten uns unsere Führer, daß sie den ganzen Winter durchdrüber giengen, um Ziegenfelle aus dem Wallis auf den Gotthardzu tragen, womit ein starker Handel getrieben wird. Sie gehenalsdann, um die Lawinen zu vermeiden, nicht da, wo wir gingen,den Berg allmählich hinauf, sondern bleiben eine Weile unten imbreitern Thal und steigen alsdann den steilen Berg gerade hinauf.Der Weg ist da sicherer, aber auch viel unbequemer. Nach vierte-halb Stunden Marsch kamen wir auf dem Sattel der Furka anbeim Kreuz, wo sich Wallis und Uri scheiden. Auch hier ward unsder doppelte Gipfel der Furka, woher sie ihren Namen hat, nichtsichtbar. Wir hofften nunmehr einen bequemeren Hinabstieg; alleinunsere Führer verkündigten uns einen noch tiefern Schnee, den wirauch bald fanden. Unser Zug ging wie vorher hinter einander fort,und der Vorderste, der die Bahn brach, saß oft bis über den Gürteldarin. Die Geschicklichkeit der Leute und die Leichtigkeit, womit siedie Sache traktierten, erhielt auch unsern guten Mut, und ich mußsagen, daß ich für meine Person so glücklich gewesen bin, den Wegohne große Mühseligkeit zu überstehen, ob ich gleich damit nichtsagen will, daß es ein Spaziergang sei. Es kam ein Lämmergeiermit unglaublicher Schnelle über uns hergeflogen; er war das einzigeLebende, was wir in diesen Wüsten antrafen, und in der Fernesahen wir die Berge des Ursener Thales im Sonnenschein. UnsereFührer wollten in einer verlassenen steinernen und zugeschneitenHirtenhütte einkehren und etwas essen; allein wir trieben sie fort,