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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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106
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Eine Winternacht auf der Lokomotive.

Was haben Sie denn, Gärtner?" schreit der Führer demHeizer ins Ohr,Sie sehen und hören ja heute nicht! Passen Sieauf!"Ach, Herr Zimmermann", schreit Gärtner zurück,mirgeht's schlecht! meine Frau liegt zu Hause in schwerer Krankheit,die Schwester, die sie pflegt, ist selbst krank geworden und jetztist sie mit der zehnjährigen Hedwig ganz allein und ich mußtefort zum Dienst Gott allein kann helfen!"

Der Führer wendet sich ab und zieht die Pelzmütze tiefer überdie Augen.Da ist Wolfsberg", sagt er nach einiger Zeit, alsdie roten und weißen Lichter einer Station durch das Schneewirbelnvor ihnen aufzuschimmern beginnen. Er Pfeift, und gleich daraufpoltert der Zug unter das überhängende Dach des Perrons der Station.

Eilend umschreitet er hier seine Lokomotive, indem er ihre dichtmit Schneeschlicker bedeckten Teile prüfend beleuchtet, von denen er oftmit der Hand erst die kalte Decke wegstreichen muß, um sie sehen znkönnen. Da ruft der Stationsheizer, der inzwischen unter der Maschinemit dem Ausharken der Schlacken aus dem Roste der Feuerung be-schäftigt ist:Herr Zimmermann, der Rost des Greif ist so dick heut'verschlackt, ich komme nicht durch damit in den vier Minuten Auf-enthalt!" Rasch springt der Führer, mit dickem Pelz und Mützeangethan, in die Schürgrube hinab, packt die schwere Feuerkrückemit, und sie in die weißglühende Feuermasse des Rostes hinein-stoßend, arbeitet der schwerbekleidete Mann angestrengt und hastig,bis das Feuer wieder in vollkommen regelrechtem Zustande ist. Nachwenig Minuten steigt er keuchend und schweißtriefend aus der Grube.Abfahrt!" ruft der Oberschaffner. Es läutet. Auf die Maschineklimmt der Mann, dessen Lungen noch von der Anstrengung atmendfliegen, und dem der Schweiß unter der Pelzmütze vorrieselt.

Pfeifen! und hinaus geht es wieder unaufhaltsam in dieeiseskalte Schneesturmnacht, die mit fünfzehn Grad kalter, schneidenderZugluft die schweißgetränkten Haare in wenig Sekunden in starrendeEisnadeln verwandelt.

Vorwärts! Vorwärts!

Der Sturm hat aufgefrischt. Von den großen Flächen derDammböschungen jagt er den staubartigen, feinen, kalten Schnee empor,der auf der Bahn wie in wilden Wogen dahinjagt, und, hoch überden Schornstein hinwirbelnd, die stillen Männer mit immer neuenFluten von stechenden Eisnadeln überströmt oder sich an windstillenOrten heimtückisch zu lockeren Windwehen zusammenlagert. Imvoraneilenden Lichte der Lokomotivlaternen prallen diese plötzlich,wie weiße, über die Bahn liegende Mauern gespenstisch aus derNacht empor und jagen dem beherztesten Führer jedesmal, wenn er