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Eine Winternacht auf der Lokomotive.
Die Stationen spinnen sich langsam ab, die Entfernungenscheinen mit der Ermüdung zu wachsen.
Unaussprechliche Schlafsucht beschleicht die Männer. — „Ja,gleich, Frau!" ruft der Heizer Gärtner plötzlich in die Schneesturm-nacht hinaus — er hatte stehend genickt und geträumt, er sei da-heim bei seinem armen kranken Weibe.
„Gärtner! Gärtner!" fährt ihn der Führer an, dem es selbstvor einer Minute war, als verwandelte sich das Heulen des Nordostin das Stiftungslied des Gesangvereins zu Lindenstedt, dessen eifrigesMitglied er ist.
Und die Männer reißen die müden, entzündeten Augen auf,entsetzt über die empfundenen gefährlichen Anwandlungen, die sichdennoch unwiderstehlich wiederholen. „Gottlob, es ist bald vorüber!noch eine halbe Stunde."
Vorwärts! Vorwärts!
„Alter Greif", sagte Zimmermann zu seiner Maschine, die, dickbeeist, mit einer Schneekruste bedeckt, mit verschlacktem Roste schwererund schwerer ihre Pflicht erfüllte, „wir kommen heute beide wie dieEisbären an, beide erstarrt, durchfroren, todmüde; das war eine böseNacht für uns beide! Du sollst Pflege haben, sauber gemacht werdenvon Rad zu Schornstein, und ich — ich will mich wärmen undauftauen! Gott sei Dank, da ist Hochfeld, die Endstation!"
Mühsam hob er den starren Arm im steifgefrorenen Aermel,um zu Pfeifen, als die Gebäude der großen Station im ungemütlichenLichte eines stürmischen Wintermorgens, mit hier und da noch in denFenstern glimmenden Lichtern, dicken Eiszapfen an den Dächern undmit all ihrer Oede und Unbehaglichkeit zum Vorschein kamen.
Dröhnend rollte der Zug mit den letzten Atemzügen der fastverlöschenden Maschine in die nur spärlich erleuchtete Halle. DerInspektor steht im Morgenpelze verdrießlich auf dem Perron. Müh-sam sich bewegend, starr und kältematt, reicht ihm Zimmermanndie Kursuhr herab. „Sie kommen zwanzig Minuten zu spät",knurrt der Inspektor. — „Sie haben die Fahrtprämie verloren."
„Es war eine böse Nacht, Herr Inspektor", sagte der halb er-frorene Führer. — „Ja, es thut mir leid", erwiderte der Inspektor.„Gaußigs Maschine ist schadhaft geworden, bringen Sie den altenGreif in Ordnung, in einer halben Stunde müssen Sie den Schnell-zug zurück übernehmen." — Todmüde, durchfroren, sofort denganzen Weg zurück, und der Schneesturm tobt nach wie vor!
Das ist Lokomotivführerdienst im Winter!