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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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131
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Zwischen Himmel und Erde. Erklärung von Sprichwörtern. 131'

die sich oberhalb in zwei Ringe für den Haken des Flaschenzuges ver-einigen, das ist der Hängestuhl, wie er es nennt, das leichte Schiff,mit dem er hoch in der Luft das Turmdach umsegelt. Mittelst desFlaschenzugs zieht er sich mit leichter Mühe hinauf und läßt sich herab,so hoch und tief er mag; der Ring oben dreht sich mit Flaschenzugund Hängestuhl, nach welcher Seite er will, um den Turm. Einleichter Fußstoß gegen die Dachfläche setzt das Ganze in Schwung,den er einhalten kann, wo es ihm gefällt. Bald bleibt kein Menschen-kind mehr unten stehen und sieht herauf; der Schieferdecker und seinFahrzeug sind nichts Neues mehr. Die Kinder greifen wieder zu ihrenalten Spielen. Die Dohlen gewöhnen sich an ihn; sie sehen ihn füreinen Vogel an, wie sie sind, nur größer, aber friedlich wie sie; unddie Wolken hoch am Himmel haben sich nie um ihn gekümmert.Die Damen neiden ihm die Aussicht. Wer könnte so frei über diegrüne Ebene hinsehen, und wie Berge hinter Bergen hervorwachsen,erst grün, dann immer blauer, bis wo der Himmel, noch blauer,sich auf die letzten stützt! Aber er kümmert sich so wenig um dieBerge, wie die Wolken sich um ihn. Tag für Tag hantiert er mitFlickeisen und Klaue, Tag für Tag hämmert er Schiefer zurechtund Nägel ein, bis er fertig ist mit Hämmern und Nageln. EinesTags sind Mann, Fahrzeug, Leiter und Rüstung verschwunden.Das Entfernen der Leiter ist so gefährlich, als ihre Befestigung;aber es faltet niemand unten die Hände, kein Mund rühmt desMannes That zwischen Himmel und Erde. Die Krähen wundernsich eine ganze Woche lang; dann ist es, als hätten sie vor Jahrenvon einem seltsamen Vogel geträumt. Tief unten lärmt noch dasGewühl der Wanderer der Erde, hoch oben gehen noch die Wandererdes Himmels, die stillen Wolken, ihren großen Gang, aber niemandmehr umfliegt das steile Dach, als der Dohlen krächzender Schwärm.

44. Erklärung von Sprichwörtern.

Johann Peter Hebel.

I. Ein Uarr fragt viel, worauf kein Meifer antwortet.

Das muß zweimal wahr sein. Fürs erste kann gar wohlder einfältigste Mensch eine Frage thun, worauf auch der weisestekeinen Bescheid zu geben weiß. Denn Fragen ist leichter als Ant-worten, wie Fordern oft leichter ist als Geben, Rufen leichter alsKommen. Fürs andere könnte manchmal der Weise wohl eineAntwort geben, aber er will nicht, weil die Frage einfältig ist,oder wortwitzig, oder weil sie zur Unzeit kommt. Gar oft erkennt