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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Martin Luther an sein Söhnlein Hans.

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45. Martin Luther au sein Söhnlein Hans.

Gnad und Friede in Christo! Mein liebes Sönichen! Ich sehegern, daß du wol lernest und fleißig betest. Thu also, mein Sönichen,und fare fort! Wenn ich heim komme, so wil ich dir ein schönJarmarkt mitbringen. Ich weiß einen hübschen lustigen Garten,da gehen viel Kinder innen, haben güldene Röcklin an und lesenschöne Epfel unter den Beumen, und Birnen, Kirschen, Spillingund Pflaumen, singen, springen und sind fröhlich, haben auch schönekleine Pferdlin mit gülden Zeumen und silbern Setteln. Da fragtich den Mann, des der Garten ist, wes die Kinder weren? Da spracher:Es sind die Kinder, die gern beten, lernen und fromm sind."

Da sprach ich:Lieber Mann, ich hab auch einen Sohn, heißtHensichen Luther, möcht' er nicht auch in den Garten kommen, daßer auch solche schöne Epfel und Birn essen möchte und solche feinePferdlin reiten und mit diesen Kindern spielen?" Da sprach derMann:Wenn er gern betet, lernt und fromm ist, so soll er auchin den Garten kommen, Lippus und Jost auch. Und wenn sie allezusammen kommen, so werden sie auch pfeifen, pauken, lauten undallerlei Seitenspiel haben, auch tanzen und mit kleinen Armbrüstenschießen."

Und er zeigt mir dort eine feine Wiesen im Garten, zumTanzen zugericht; da hiengen eitel güldene Pfeifen, Pauken undfeine silberne Armbrüste. Aber es war noch früe, daß die Kindernoch nicht gessen hatten, drum kunnte ich des Tanzes nicht er-harren und sprach zu dem Mann:Ach, über Herr, ich wil flugshingehen und das alles meinem lieben Sönlin Hensichen schreiben,daß er ja fleißig bete, wol lerne und fromm sei, auf daß er auchin diesen Garten komme. Aber er hat eine Minne, Lene, die mußer mitbringen." Da sprach der Mann:Es sol ja sein. Gehe hinund schreibe ihm also!"

Darum, libes Sönlin Hensichen, lerne und bete ja getrost,und sage es Lippus und Josten auch, daß sie auch lernen undbeten, so werdet ir mit einander in den Garten kommen! Hiemitbis dem lieben allmechtigen Gott befohlen, und grüße MumenLenen, und gib ihr einen Büß von meinetwegen!

Anno N.V.XXX.

Dein lieber Vater Martinus Luther.