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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Luther und der Fleischer. Tod und Leben.

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Und als von der AnatomeiDie Lektion war bald vorbei,

Tankt er dem Fleischer freundlich gar,Läßt reichen einen Trunk ihm dar;

Er aber kehrt zum Bibelbuch

Zurück', damit er gleich versuch'

Zu nennen alles härchenklein,

Grad eben wie s genannt sollt' sein,

Und fertigt den Leviticus

Aus einem Gusse bis zum Schluß.

118. Tod und Leben

Friedrich Rückert.

Es ging ein Mann im Syrerland,Führt' ein Kamel am Halfterband.Das Tier, mit grimmigen Geberden,Urplötzlich anfing scheu zu werdenUnd that so ganz entsetzlich schnaufen,Der Führer vor ihm mußt' entlaufen.Er lief und einen Brunnen sahBon ungefähr am Wege da.

Das Tier hört' er im Rücken schnauben,Das mußt' ihn« die Besinnung rauben.Er in den Schacht des Brunnens kroch;Er stürzte nicht, er schwebte noch.Gewachsen war ein BrombeerstrauchAus des gcborstnen Brunnens Bauch,Daran der Mann sich fest that klammernUnd seinen Zustand drauf bejammern.Er blickte in die Höh' und sahTort das Kamelhaupt furchtbar nah,Das ihn wollt' oben fassen wieder.Tann blickt' er in den Brunnen nieder;Da sah am Grund er einen DrachenAufgähnen mit entsperrtem Rachen,Der drunten ihn verschlingen wollte,Wenn er hinunter fallen sollte.

So schwebend in der beiden MitteDa sah der Anne noch das dritte:

Wo in die Mauerspalte gingDes Sträuchleins Wurzel, drau erhing,Da sah er still ein Mäusepaar:Schwarz eine, weiß die andre war.

Er sah die schwarze mit der weißenAbwechselnd an der Wurzel beißen.Sie nagten, zausten, gruben, wühlten,Die Erd' ab von der Wurzel spülten.Und wie sie rieselnd niederrann,

Der Drach' im Grund aufblickte dann,

Zu sehn, wie bald mit seiner BürdeDer Strauch entwurzelt fallen würde.Der Mann, in Angst undFurcht undNot,Umstellt, umlagert und umdroht,JmStanddesjammerhaftenSchwebens,Sah sich nach Rettung um vergebens.Und da er also um sich blickte,

Sah er ein Zweiglein, welches nickteVom Brombeerstrauch mitreifenBeeren;Da konnt' er doch der Lust nicht wehren.Er sah nicht des Kameles WutUnd nicht den Drachen in der FlutUnd nicht der Mäuse Tückespiel,

Als ihm die Beer' ins Auge siel.

Er ließ das Tier von oben rauschenUnd unter sich den Drachen lauschenUnd neben sich die Mäuse nagen, -Griff nach den Beerlein mit Behagen;Sie beuchten ihn zu essen gut,

Beer' auf Beerlein wohlgemut,Und durch die Süßigkeit im EssenWar alle seine Furcht vergessen.

Du fragst: Wer ist der thöricht' Mann,Der so die Furcht vergessen kann?

So mist", o Freund, der Mann bist du;Vernimm die Deutung auch dazu!

Es ist der Drach' im BrunnengrundDes Todes aufgesperrter Schlund,Und das Kamel, das oben droht,

Es ist des Lebens Angst und Not.

Du bist's, der zwischen Tod und LebenAm grünen Strauch der Welt mußschweben.

Die beiden, so die Wurzel nagen,

Dich samt den Zweigen, die dich tragen,