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Die Hegelinge.
der Werbung um Gudrunen geraten; zürnend, daß ihr schöner Sohnverschmäht worden, hat sie eifrig die Schisfreise gefördert; jetzt ver-spricht sie ihm, der Jungfrau Hoffart zu brechen, indes er auf neueHeerfahrten zieht. Gudruns edle Jungfrauen, die sonst Gold undGestein in Seide wirkten, müssen Garn winden und spinnen; sieselbst, die Königstochter, muß den Ofen heizen, mit den Haaren denStaub abkehren, zuletzt in Wind und Schnee am Strande Kleiderwaschen. Hildeburg, auch eines Königs Tochter, mit Gudrunen ge-fangen, teilt freiwillig mit ihr die Arbeit. Dreizehn Jahre vergehen,da mahnt Frau Hilde die Helden, die ihr gelobt, den Gemahl nochzu rächen und die Tochter wieder zu holen. Sie rüsten ihre Scharenund Schiffe. Nach stürmischer Fahrt erreichen sie die Küste von Nor-mandie und landen unbemerkt an einem Walde. Herwig und Ortwin,Gudruns Bruder, machen sich auf, nach ihr zu forschen und das Landzu erkunden. Gudrun und Hildeburg waschen am Strande; da sehensie einen schönen Vogel herschwimmen. Es ist ein Bote von Gott,der ihnen mit menschlicher Stimme die nahe Ankunft der Freundeverkündet. Der Vogel verschwindet, und die Jungfrauen, von derBotschaft sprechend, versäumen sich im Waschen. Darüber werden sieabends von Gerlinden gescholten. Am Morgen, als sie wieder zurArbeit sollen, ist Schnee gefallen. Umsonst bitten sie die Königin umSchuhe; barfuß müssen sie durch den Schnee zum Strande waten.Unter dem Waschen blicken sie oft sehnlich über die Flut hin. Sie ge-wahren zween Männer in einer Barke. Ihrer Schmach sich schämend,entweichen sie. Aber die beiden Männer, Herwig und Ortwin, springenaus der Barke und rufen sie zurück. Vor Frost beben die schönenWäscherinnen; kalle Märzwinde haben ihnen die Haare zerweht; weiß,wie der Schnee, glänzt ihre Farbe durch die nassen Hemden. DieMänner bieten ihre Mäntel dar, aber Gudrun weist es ab. Nocherkennen sie einander nicht, obgleich die Herzen sich ahnen. Ortwinfragt nach dem Fürsten des Landes und nach der Königstochter, dievor Jahren hergeführt worden. Die sei im Jammer gestorben, ant-wortet Gudrun. Da brechen die Tränen aus der Männer Augen.Doch bald wird ihnen Trost und Wonne. Gudrun und Herwig er-kennen, eines an des andern Hand, die goldnen Ringe, womit sie sichverlobt sind. Herwig schließt sie in seine Arme. Dann scheiden diebeiden Männer, Hilfe verkündend, ehe morgen die Sonne scheine.Gudrun wirft die Wäsche in die Flut; nicht mehr will sie Ger-linden dienen, seit zween Könige sie geküßt und umfangen. Als siezur Burg zurückkommt, will Gerlind sie mit Dornen züchtigen.Gudrun aber erklärt, wenn ihr die Strafe erlassen werde, wolle siemorgen Hartmuts werden. Freudig eilt dieser herbei. Gudrun und