Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
Seite
304
JPEG-Download
 

304

Vor ss-eriim.

Und dem so kühn das blaue Auge blitzte,

Als spräch's: Ein Schwert nur, und die Welt ist meinUnd plötzlich floß dann wie, verstand er kaumEin andres Bild in seinen Heimatstraum;

125 Vor seine Seele drängt' es sich mit Macht,

Wie er dereinst in heißen MorgenlandenAls Wacht an eines Mannes Kreuz gestanden,

Bei dessen Tod die Sonn' erlosch in Nacht.

Wohl lag dazwischen manch durchstürmter Tag;

130 Doch konnt' er nie des Dulders Blick vergessen,

Darin ein Leidensabgrund unermessenUnd dennoch alles Segens Fülle lag.

Und nun wie kam's nur? Ueber seinen EichenSah er dies Kreuz erhöht als Siegeszeichen,

135 Und seines Volks Geschlechter sah er ziehn,

Unzählig, stromgleich; über den GefildenVon Waffen wogt' es, und auf ihren SchildenStand jener Mann, und Glorie strahlt' um ihn.

Da fuhr er auf. Aus des Palastes Hallen140 Kam dumpf Geräusch; der Herr der Welt war tot;

Er aber schaute kühn ins Morgenrot

Und sah's wie einer Zukunft Vorhang wallen.

6L. Vvr 8»«riiiu.

Von Ludwig Uhland.

1. Als die Latiner aus Lavinium

Nicht mehr dem Sturm der Feinde hielten stand,

Da hoben sie zu ihrem Heiligtum,

Dem Speer des Mavors, flehend Blick und Hand.

2. Da sprach der Priester, der die Lanze trug:Euch künd' ich statt des Gottes, der euch grollt:

Nicht wird er senden günst'gen Vogelflug,

Wenn ihr ihm nicht den Weihefrühling zollt."

3.Ihm sei der Frühling heilig!" rief das Heer,Und was der Frühling bringt, sei ihm gebracht!"

Da rauschten Fittiche, da klang der Speer,

Da ward geworfen der Etrusker Macht.

4. Und jene zogen heim mit Siegesruf,

Und wo sie jauchzten, ward die Gegend grün;Feldblumen sproßten unter jedem Huf;

Wo Speere streiften, sah man Bäum' erblühn.