Sonnenuntergang. — Heidebild. — Abend.
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111. Sonnenuntergang.
Von Friedrich Hölderlin.
Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mirVon aller deiner Wonne; denn eben ist's,
Daß ich gelauscht, wie goldner TöneVoll der entzückende SonnenjünglingSein Abendlied auf himmlischer Leier spielt';Es tönten rings die Wälder und Hügel nach;Doch fern ist er zu frommen Völkern,
Die ihn noch ehren, hinweggegangen.
112. Heidebild.
Von Detlev von Liliencron.
Die Mittagsonne brütet auf der Heide;
Im Süden droht ein schwarzer Ring.
Verdurstet hängt das magere Getreide;
Behaglich treibt ein Schmetterling.
Ermattet ruhn der Hirt und seine Schafe;
Die Ente träumt im Binsenkraut;
Die Ringelnatter sonnt in trägem SchlafeUnregbar ihre Tigerhaut.
Im Zickzack zuckt ein Blitz, und WasserflutenEntstürzen gierig dunklem Zelt.
Es jauchzt der Sturm und peitscht mit seinen RutenErlösend meine Heidewelt.
<Vgl. Nr. IIS.»
113. Abend.
Aus dem „Faust" von Johann Wolfgang Goethe.
Betrachte, wie in Abendsonne-GlutDie grünumgebnen Hütten schimmern!
Sie rückt und weicht; der Tag ist überlebt;
Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.
5 O! daß kein Flügel mich vom Boden hebt,
Ihr nach und immer nach zu streben!
Ich säh' im ew'gen AbendstrahlDie stille Welt zu meinen Füßen,
Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal,