Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
Seite
335
JPEG-Download
 

Der Kranz.

335

71. Der Kranz.

Von Gottfried Keller.

1. Der Frühling ging durchs reiche SchwabenlandUnd mit ihm Ludwig Uhland, an der Hand

Die treue Gattin; denn es kam zu wandernDer treue Mann von einem Ort zum andern.

2. Mag's mit dem Recht in Stuttgart nicht gelingen,Will lehrend er ins Herz der Jugend dringen

Zu Tübingen am alten Musensitz,

Umleuchtet noch vom hellen Geisterblitz.

3. So wallt das Paar still und getrost dahin,

Wo Täler weiß im Schnee der Bäume blühn;

Doch sieh! beim Steine, der die Markung kündet,

Steht eine Schar von Freunden treu verbündet.

4. Die Kampfgenossen für des Volkes Rechte,

Sie harren sein mit einem Kranzgeflechte

Von dichtem Lorbeer, glänzend frisch und grün,

Den reichen sie dem Sänger hold und kühn.

5. Ein letzter Kuß! der letzte Becher blinkt,

Und ferne schon die Hand zum Scheiden winkt;

Dem Meister glänzt das Aug', das lebenswarme,

Und Frau und Kranz führt er am rechten Arme.

6. Sie wandeln bald in einem lichten WaldeVon großen Eichen an der sanften Halde;

Wie steht so fest und frei der edle Hain,

Und überall blaut noch der Himmel drein!

7. Hoch oben kreist der Falk im Sonnenlicht,

Das durch das Gitterwerk der Zweige bricht,

Und Uhland, schreitend im geweihten Raume,

Tritt unversehns zum nächsten Eichenbaume.

8. Rasch hängt er auf den Kranz, und schweigend wendetDen Schritt er weiter; nur Frau Emma sendetTraurig den Blick zurück; doch strahlend licht

Wird drauf ihr Aug', sieht sie den Mann so schlicht.

9. Tief schaut sie dieses reinen Goldes HortIn seinem Herzen doch mit keinem WortWird sie benennen ihr beglückend Wissen

Von einem Schatz, den tausend Frauen missen.