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Walliser Sagen.
barfuß einherging. Aus ihren prächtigen Haaren, welche in reichenLocken auf ihre Schultern herabfielen, tröpfelte der Regen, an ihremweißen Halse hing eine Goldkette; ihre schlanken Lenden umgab einkostbarer Gürtel, und ihre Arme waren gleichfalls mit goldenenReifen geschmückt. An den Fingern ihrer kleinen schneeweißen Händeglänzten Ringe, mit Diamanten besetzt. Ihre bloßen Füße, welchevon der Kälte und Nässe gerötet waren, schienen so zart zu sein,daß jedes Steinchen dieselben hätte verwunden müssen. Mit einerHand hielt sie züchtig die seidene Schürze empor, um sich den Gangdurch die rauhe Gegend zu erleichtern, in der andern führte sie einenlangen Reisestock. Sie trat mit ihren zarten Füßen auf die harten,kalten und nassen Steine so behutsam, daß man sah, jeder Trittmache ihr Mühe und verursache ihr Schmerzen. Ihr holdseligesAngesicht trug die Spuren von vielem Weinen; in ihren großenund sanften Augen schimmerten noch frische Tränen; und ihre feinenLippen öffneten sich zu leisen Seufzern und Gebeten.
Voll Verwunderung über diese seltsame Erscheinung und vontiefem Mitleiden gerührt, fragte der Hirt: „Aber um Gottes willen,meine schöne gute Frau, wo wollt Ihr hin bei so harter Witterungund in einer so wilden Gegend? Ihr müßt Euch ganz verirrt haben?Ach, daß Gott erbarm! Ihr geht ja barfuß, ohne Hut und Regen-schirm, gewiß seid Ihr verunglückt! Oder wo sind denn Eure Be-dienten? Habt Ihr keinen Führer mitgenommen? Ihr seid dochnicht zu Fuß bis hieher gekommen? Ohne Zweifel seid Ihr nichtferne von hier vom Pferde gestiegen und habt allein Euch zu weitvon Eurer Bereitschaft entfernt und verirrt?" — „Nein, mein guterJunge," erwiderte die Dame mit einer lieblichen Stimme, „ich habemich nicht verirrt; ich komme wirklich hieher ohne Bereitschaft, ohnePferd, ohne Diener, ohne Hut, Schuhe und Regenschirm. Soebenverließ ich eine große Stadt und einen glänzenden Palast. Nochwarm auf dem Totenbette in Mailand liegt mein Leib, um welchenmeine lieben Eltern, als um ihre einzige Tochter, bitterlich weinenund ihn mit ihren Tränen benetzen. Ich bin von Gott verurteiltworden, in diesem Gletscher abzubüßen. Weil ich bei Lebzeiten fastauf keine Erde getreten, weil ich immer in der Kutsche fuhr, niemalsin eine Traufe kam, nie ohne stattliche Begleitung mich vom Hauseentfernte, nie einem kalten Lüftchen mich aussetzte, keine anständigeFreude mir versagen wollte, mich vor aller Anstrengung und Mühefürchtete, darum bin ich zur Strafe meiner Verzärtlichung verurteilt,in dieser rauhen Wildnis barfuß, in Regen, Kälte und Ungewitterzu wandeln und in diesem Gletscher abzubüßen. Dies ist mein Feg-feuer — denn außer dieser Verzärtlichung habe ich keine Sünden