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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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29
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Märchen von Himmel und Hölle.

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draußen stockdunkel; stockdunkel, so daß man die Hand vorm Augenicht sehen konnte, stockdunkel Tag und Nacht, jahraus jahrein, undso still wie auf dem Kirchhof. Da schloß er das Fenster wieder undsetzte sich aufs neue auf seinen Großvaterstuhl; und jeden Tag stand erein- oder zweimal auf und sah wieder hinaus. Aber es war nochimmer so. Und immer früh Schokolade und mittags einen Tag um denandern Kalbsbraten mit Apfelmus und Milchreis mit Bratwürsten undnachher rote Grütze; immerzu, immerzu, einen Tag wie den andern.

Als jedoch tausend Jahre vergangen waren, klirrte der großeeiserne Riegel am Tor, und Petrus trat ein.Nun," fragte er,wie gefällt es dir?"

Da wurde der reiche Mann bitterböse:Wie mir's gefällt?Schlecht gefällt mir's; ganz schlecht! So schlecht, wie es einem nurin einem so nichtswürdigen Schlosse gefallen kann! Wie kannst dudir nur denken, daß man es hier tausend Jahre aushalten kann!Man hört nichts, man sieht nichts; niemand bekümmert sich umeinen. Nichts wie Lügen sind es mit eurem vielgepriesenen Himmelund mit eurer ewigen Glückseligkeit. Eine ganz erbärmliche Ein-richtung ist es!"

Da blickte ihn Petrus verwundert an und sagte:Du weißtwohl gar nicht, wo du bist? Du denkst wohl, du bist im Himmel?In der Hölle bist du. Du hast dich ja selbst in die Hölle gewünscht.Das Schloß gehört zur Hölle."

Zur Hölle?" wiederholte der Reiche erschrocken.Das hierist doch nicht die Hölle? Wo sind denn der Teufel und das Feuerund die Kessel?"Du meinst wohl," entgegnete Petrus,daß dieSünder jetzt immer noch gebraten werden wie früher? Das ist schonlange nicht mehr so. Aber in der Hölle bist du, verlaß dich darauf,und zwar recht tief drin, so daß du einen schon dauern kannst. Mitder Zeit wirst du's wohl selbst inne werden."

Da fiel der reiche Mann entsetzt rückwärts in seinen Großvater-stuhl, hielt die Hände vors Gesicht und schluchzte:In der Hölle,in der Hölle! Ich armer, unglücklicher Mensch, was soll aus mirwerden?"

Aber Petrus machte die Türe auf und ging fort, und als erden eisernen Riegel draußen wieder vorschob, hörte er drinnen denReichen immer noch schluchzen:In der Hölle, in der Hölle! Icharmer, unglücklicher Mensch, was soll aus mir werden?"

Und wieder vergingen hundert Jahre und aber hundert, und dieZeit wurde dem reichen Manne so entsetzlich lang, wie niemand essich nur denken kann. lind als das zweite Tausend zu Ende kam,trat Petrus abermals ein.