44
Don Quixote.
Welt beschauen können! Mit welchen Worten soll ich diese furchtbareTathandlung vortragen, oder mit welcher Beschreibung soll ich sieden künftigen Jahrhunderten glaubwürdig machen? Oder welcheLobeserhebungen sind geziemend und passend für dich, wenn es auchHyperbeln über Hyperbeln sein sollten? Du zu Fuß, du allein, duunerschrocken, du hochgesinnt, nur mit einem Degen, der keiner dervorzüglichsten, mit einem Schilde, der nicht von poliertem Stahleglänzt, stehst da und erwartest die zwei wildesten Löwen, die jemalsdie afrikanischen Wälder hervorgebracht haben! Deine eigenen Tatenseien dein Lob, du tapferer Manchaner, denn ich lasse sie hier fürsich selber sprechen, weil mir Worte fehlen, sie würdig zu erheben!"
Hier endigt der Autor seine Ausrufung und fährt fort, indemer den Faden der Geschichte wieder anknüpft, auf folgende Weise zuerzählen. Als der Löwenwärter sah, daß Don Quixote sich schon inPositur gesetzt hatte, und daß er nicht umhin könne, den männlichenLöwen herauszulassen, bei Strafe, in die Ungnade des erzürnten undverwegenen Ritters zu fallen, so öffnete er nach und nach den erstenKäfig, in welchem sich, wie gesagt, der Löwe befand, der von außer-ordentlicher Größe und von furchtbarer und gräßlicher Gestalt war.Das erste, was er tat, war, sich in seinem Käfige umzuwenden, dieKlaue zu recken und sich dann ganz auszudehnen. Er machte hieraufdas Maul auf und gähnte sehr umständlich; eine Zunge, die zweiHand breit lang war, streckte er dann heraus, wischte sich damit dieAugen und wusch sein Gesicht. Nachdem dieses getan, steckte er denKopf aus dem Käfige heraus und sah sich nach allen Seiten mitglühenden Augen um; ein Anblick, der wohl der Kühnheit selbstFurcht hätte einjagen können. Nur Don Quixote betrachtete ihn mitkalter Aufmerksamkeit und wünschte, daß er schon vom Karren herunterwäre, damit er mit ihm handgemein werde und ihn, wie er sich vor-genommen, in Stücke hauen könnte.
So hoch war das Aeußerste seiner unerhörten Torheit gestiegen;aber der edle Löwe, mehr artig als hofsärtig, auf Kinderstreiche undRauferei nicht ausgehend, nachdem er sich, wie schon gesagt, vonder einen wie von der andern Seite umgeschaut hatte, wandte sichum, zeigte dem Don Quixote seine Hintern Teile und legte sich mitgroßer Kaltblütigkeit und Ruhe in seinem Käfige wieder nieder. Dadies Don Quixote sah, befahl er dem Löwenwärter, ihn zu schlagenund ihn so mit Gewalt herauszutreiben.
„Das werde ich nicht tun", awtwortete der Löwenwärter, „dennwenn ich ihn anreize, so bin ich der erste, den er in Stücke reißt.Begnügt Euch, Herr Ritter, mit dem Getanen, was alles Möglicheist, was man nur immer von der Tapferkeit fordern kann, und ver-