Der Prozeß um des Esels Schatten.
51
Orakel der Natur selbst, billig die Kraft eines Gesetzes habe, ver-möge dieser allgemeinen Gewohnheit aber die Schatten der Dingebisher allerorten einem jeden, wer er auch sei, frei, ungehindert undunentgeltlich zur Benutzung überlassen worden, so erhelle, daß be-sagte Schatten, ebenso wie freie Luft, Wind und Wetter, fließendesWasser, Tag und Nacht, Mondschein, Dämmerung und dergleichenmehr unter die gemeinen Dinge zu rechnen seien, deren Genuß jedemoffen stehe. Er könne also nicht anders als dahin entscheiden, daßder Schatten aller Esel in Thrazien, folglich auch derjenige, der zuvorliegendem Rechtshandel unmittelbaren Anlaß gegeben, ebensowenigeinen Teil des Eigentums einer einzelnen Person ausmachen könne,als der Schatten des Berges Athos oder des Stadtturmes von Ad-ders; und daß also aus diesen und andern angeführten Gründen inSachen des Eseltreibers Anthrax wider den Zahnarzt Struthion zuRecht zu erkennen sei, daß Beklagter sich des besagten Schattens zuseinem Gebrauch und Nutzen zu bedienen wohl befugt gewesen; Klägeraber nicht nur mit seiner unbefugten Forderung abzuweisen, sondernauch in alle Kosten, wie nicht weniger zum Ersatz alles dem Be-klagten verursachten Verlusts und Schadens zu verurteilen sei.
Aber die unterliegende Partei behauptete, da es hier auf eineallgemeine Rechtsfrage ankomme, die noch durch kein Gesetz in Ad-dern bestimmt sei, so müsse die Sache vor den Gesetzgeber selbstkommen und folglich vor den großen Rat der Stadt Abdera gebrachtwerden. In wenig Tagen war ganz Abdera in zwei feindliche Par-teien geteilt, die Anhänger des Struthion und die des Eseltreibers,welche in kurzem nicht anders als durch die Namen der Schattenund der Esel bezeichnet wurden, und der Eifer auf beiden Seitennahm so schnell und heftig zu, daß es gar nicht mehr erlaubt war,neutral zu bleiben. „Bist du ein Schatten oder ein Esel?" warimmer die erste Frage, welche die gemeinen Bürger an einander taten,wenn sie sich auf der Straße oder in der Schenke antrafen; undwenn einem Schatten das Unglück begegnete, an einem solchen Orteder einzige seinesgleichen unter einer Anzahl von Eseln zu sein, soblieb ihm, wofern er sich nicht gleich mit der Flucht rettete, nichtsübrig, als entweder auf der Stelle seinen Glauben abzuschwören odersich mit tüchtigen Stößen zur Tür hinauswerfen zu lassen.
Die Zeit steigerte die feindselige Stimmung beider Parteien sosehr, daß, als endlich der Tag der Entscheidung erschien, der GroßeRat von Abdera sich in der äußersten Verlegenheit befand, wie erdie Sache endgültig schlichten sollte, ohne die unversöhnliche Feind-schaft unter der Bürgerschaft auf ewige Zeiten zu befestigen. Wirk-lich ist es schwer zu sagen, was für ein Mittel sie endlich ergriffen